Vier neue Stolpersteine in Freising

Gedenken an Opfer des Naziterrors

Mahnmal gegen das Vergessen: (v.l.) OB Tobias Eschenbacher, Guido Hoyer und Peter Floßmann (VVN) und Bürgermeisterin Eva Bönig beim Ortstermin für das Setzen eines Stolpersteins in der Wippenhauser Straße. (alle Fotos: Stadt Freising)
Mahnmal gegen das Vergessen: (v.l.) OB Tobias Eschenbacher, Guido Hoyer und Peter Floßmann (VVN) und Bürgermeisterin Eva Bönig beim Ortstermin für das Setzen eines Stolpersteins in der Wippenhauser Straße. (alle Fotos: Stadt Freising)

„Daran erinnern, was gewesen ist und nie mehr eintreten darf!“ Diese Parole gab Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher bei der Verlegung von vier weiteren Stolpersteinen am Dienstag, 29. November 2016, aus. Vor dem Haus an der Wippenhauser Straße 18 in Freising hatten sich Vertreter/innen des Kreisverbands der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) versammelt – dem Ort, an dem in Gedenken an Emma Reißermeyer der erste der neuen Stolpersteine verlegt wurde. Weitere Steine mit Messingplatten wurden für Georg Ziegltrum an der Haydstraße 23, für Dr. Martin Holzer an der Oberen Hauptstraße 9 und Hildegard Lewin an der Unteren Hauptstraße 2 gesetzt. „Viele Opfer des Naziterrors haben keinen Namen und kein Grab. Wir wollen den Opfern ihre Namen zurückgeben und ein Gedenken im öffentlichen Raum ermöglichen“, sagte VVN-Landesgeschäftsführer Guido Hoyer und fügte hinzu: „Wir erinnern heute für die Zukunft!“

Mahnmale gegen das Vergessen

Carla Schwering (Mitte) vom Lycée Jean Renoir in München war mit weiteren Abiturienten nach Freising gekommen - der Jahrgang hat zur Finanzierung der Stolpersteine beigetragen.
Carla Schwering (Mitte) vom Lycée Jean Renoir in München war mit weiteren Abiturienten nach Freising gekommen - der Jahrgang hat zur Finanzierung der Stolpersteine beigetragen.

Der Freisinger Stadtrat hatte im September einmütig beschlossen, dass auch Personen, deren Leib und Leben vom Naziregime bedroht war, mit Stolpersteinen die Ehre erwiesen werden soll. „Ein Gedenken an diese Zeit ist dringend notwendig“, betonte OB Eschenbacher mit Blick auf weltweite Konflikte und Krisen, Krieg und Flucht – und einen Sprachgebrauch, der an die Wortwahl der Nazis erinnert. Während VVN-Vorstandsmitglied Peter Floßmann den mit dem Namen von Emma Reißermeyer gravierten Stolperstein ehrfürchtig in Händen hielt, trat Carla Schwering nach vorne. Die Abiturientin des Lycée Jean Renoir in München erzählte, dass ihr Abiturjahrgang den Lehrern ein besonderes Abschiedsgeschenk bereiten und in München Stolpersteine verlegen wollte. In der Landeshauptstadt ist das Projekt jedoch umstritten – nur auf Privatgrund dürfen Steine gesetzt werden.

17 Stolpersteine in öffentlichen Gehwegen

Mitarbeiter des städtischen Bauhofs setzen einen Stolperstein im Gehsteig vor dem Haus Wippenhauser Straße 18.
Mitarbeiter des städtischen Bauhofs setzen einen Stolperstein im Gehsteig vor dem Haus Wippenhauser Straße 18.

So kamen die Gymnasiasten auf Freising, wo sich bereits dreizehn Stolpersteine in öffentlichen Gehwegen befanden: drei in der Bahnhofstraße 4 für die Familie Neuburger (Kaufhaus Neuburger), acht in der Oberen Hauptstraße 9 für die Familie Holzer (Warenhaus Holzer), einer in der Unteren Hauptstraße 2 für Marcus Lewin (Warenhaus „Max Krell Nachfolger“ – das heutige Marcushaus), einer in der Bahnhofstraße 1 für Max Schülein (Betriebsleiter in der Maschinenfabrik Anton Schlüter).  Insgesamt gibt es jetzt mit den vier neuen 17 Stolpersteine in Freising, wobei die Forschung noch „voll im Gange“ sei, wie Guido Hoyer erklärte. Er bedankte sich ebenso wie OB Eschenbacher bei den Abiturienten sehr herzlich, dass sie einen Teil zur Finanzierung der neuen Stolpersteine geleistet hatten.

Guido Hoyer über das Leid jüdischer Bürger/-innen aus Freising

Dr. Martin Holzer
Der Wirtschaftsprüfer und Steuerberater, im Jahr 1899 in Freising geboren, war Jude und unterhielt eine eigene Firma. Schon früh hatten es die Nazis auf ihn abgesehen: Im Juli 1932 überfielen SA-Einheiten den Furtnerkeller in der Wippenhauser Straße, dem damaligen Parteilokal der Freisinger Sozialdemokraten. Es kam zu Straßenkämpfen zwischen den beiden Lagern. Die Freisinger Nazis gaben vor, „dass an der ganzen Sache im Furtnerkeller der junge Jude Dr. Holzer schuld ist.“ Martin Holzer war der erste jüdische Freisinger, der seine Existenz verlor. Bereits 1933 musste er sein Unternehmen in Freising aufgeben. „Der Steuer- und Wirtschaftsprüfer Dr. Martin Holzer ist als solcher nicht mehr anzuerkennen. Holzer ist ein Jude“, so die Bekanntmachung der Nazis im April 1933. Martin musste aus Freising fliehen, er verließ 1938 Deutschland und verbrachte sein Leben in Tel Aviv.

Hildegard Lewin
In Freising 1910 geboren als Tochter der Kaufhaus-Inhaberin Johanna Krell und Markus Lewin. Das erfolgreiche Unternehmen hatte in der Freisinger Gesellschaft schnell Neider. Zum Beispiel protestierte 1933 ein Geschäftsmann dagegen, dass ein Obst- und Kartoffelmarkt auf dem Marienplatz stattfinden sollte. Er störte sich daran, dass davon ausgerechnet das Kaufhaus Krell profitiere. Im selben Jahr bezogen SA-Einheiten vor dem Kaufhaus am Marienplatz und vor anderen von Juden geführten Geschäften in Freising Stellung. Die bewaffneten Männer riefen die Passanten zum Boykott auf. Markus Lewin verließ Freising 1936 und zog nach München-Schwabing. Seiner Tochter Hildegard gelang 1939 die Flucht nach Großbritannien – sie kehrte Zeit ihres Lebens nicht mehr nach Freising zurück.

Emma Reißermeyer
Die 1884 in München geborene Emma Reißermeyer kam 1926 nach Freising. Sie war katholisch getauft und wurde sie von der NS-Rassenideologie zunächst nicht als Jüdin erkannt. Doch die Nazis entdeckten bei ihr eine „jüdische Rassenzugehörigkeit“. Im Jahr 1938 floh sie nach München, dort weigerte sie sich ein Jahr lang, den Judenstern zu tragen. Nach ihrer Verurteilung wurde sie 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert. Sie überlebte das Lager und wohnte nach ihrer Befreiung in Gräfelfing, wo sie 1961 verstarb.

Georg Ziegltrum
Der 1899 in Nörting (Landkreis Freising) geborene Georg Ziegltrum war in Freising als Immobilienberater tätig. Laut eines Zeitungsberichts wurde er als „Volksschädling“ verhaftet. Nach zehn Monaten im KZ Dachau kehrte er 1934 nach Freising zurück und versuchte dann vergebens, sein Gewerbe wieder aufzunehmen. Er wurde dann neuerlich nach Dachau verschleppt, am 14. Mai 1943 wurde sein Tod mit der fingierten Ursache "Versagen von Herz und Kreislauf bei Magen- und Darmkatarrh" gemeldet. Wiederholt verhaften konnte man ihn, weil er von den Nazis zum „Gewohnheitsverbrecher“ erklärt wurde, bei dem „Sicherheitsverwahrung“ angeordnet werden konnte  – ein Instrument, um politische Feinde zu isolieren und unbegrenzt einzuweisen. Die Sicherheitsverwahrung machten die Nazis zu einer tödlichen Waffe.

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