Eine der Kernaufgaben des Stadtarchives ist die historische Bildungsarbeit, in deren Rahmen verschiedene Veröffentlichungen entstehen. Ein Teil der Publikationen ist das Ergebnis unserer Forschungstätigkeit im Bereich der Geschichte der Stadt, des ehemaligen Hochstifts und der Diözese Freising; sie finden Eingang in die Reihe "Schriften des Stadtarchivs Freising". Die Reihe "Kataloge des Stadtarchivs Freising" dient der Publikation von Bild- und Textmaterial unserer Ausstellungen. Das "Archivstück des Monats" gibt alle paar Wochen einen kleinen, aber sicher feinen Einblick in die reichen Bestände des Stadtarchivs.

Schriftenreihe des Stadtarchivs Freising

Die Reihe "Schriften des Stadtarchivs Freising" dient der Veröffentlichung wissenschaftlicher Untersuchungen zur Geschichte der Stadt, der Diözese und des ehemaligen Hochstifts Freising. Sie wurde in den Jahren 2015/16 konzipiert.

Bisher sind folgende Bände erschienen:

Band 1: Freising als "Stadt des Bieres". Kulturgeschichtliche Aspekte

Die Produktion und der Konsum von Bier haben die wirtschaftliche, politisch-gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung der Stadt Freising zwar in unterschiedlicher Intensität, aber doch stetig begleitet. Es ist ein ungemein facettenreiches Bild, das sich aus den vielerlei erhaltenen Zeugnissen in diversen Archiven und Museen zu diesem Thema ergibt. Der Band versucht, einige stadtgeschichtliche Aspekte rund ums Thema Bier näher zu beleuchten. Neben einem umfangreichen Überblick über alle historischen Brauereien in Freising werden darin folgende Themen aufgegriffen: die mittelalterlichen Quellen zum Freisinger Brauwesen, der Braubetrieb des fürstbischöflichen Hofbräuhauses im 17. und 18. Jahrhundert, die Architektur Freisinger Brauereien und Braugasthäuser des 19. Jahrhunderts, eine in den Jahren um 1900 in der Stadt existierende Steinzeugfabrik sowie die 150-jährige Geschichte der Braufakultät in Weihenstephan.

Der Band ist im Buchhandel und direkt im Stadtarchiv erhältlich (34,90 Euro).


Kataloge des Stadtarchivs

In der Reihe "Kataloge des Stadtarchivs Freising" finden die Ausstellungen des Stadtarchivs ihren publizistischen Niederschlag.

Bisher sind folgende Bände erschienen:

Band 1: Freising in der Frühzeit der Fotografie. 60 Aufnahmen der Jahre 1860 bis 1900 (2015)

Sie gehören zweifellos zu den Raritäten der Sammlungsbestände des Stadtarchivs Freising: die Fotografien aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Lokale Pioniere der Fotografie wie Anton Unthal, Julius Lösch und Franz Ress haben Freising vor beziehungsweise während eines vielschichtigen gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Veränderungsprozesses ins Bild gesetzt. Der vorliegende Band präsentiert eine Auswahl von 60 Fotografien der 1860er bis 1890er Jahre. Der Kernbestand aus der Sammlung des Stadtarchivs Freising wird dabei um einige Fotografien aus den Sammlungen des Historischen Vereins Freising, der Freiwilligen Feuerwehr Freising, des Archivs des Erzbistums München und Freising, der Dombibliothek Freising sowie von privater Seite ergänzt. Jede Fotografie ist dabei mit einer eingehenden Beschreibung versehen.

Der Band ist im Buchhandel erhältlich sowie direkt im Stadtarchiv (24,90 Euro).

Band 2: Aufbruch und Umbruch. Freising in Fotografien der Jahre 1900 bis 1920 (2017)

Freising, die alte Bischofsstadt an der Isar, befand sich in den Jahren um 1900 in Aufbruchstimmung. Die Stadt wuchs deutlich über ihre alten Grenzen hinaus: Die Vorstädte wurden größer und mit der Eingemeindung des Nachbarortes Neustift konnte das Stadtgebiet erheblich erweitert werden. Partieller Wohlstand ließ auf den nordseitigen Anhöhen das neue "Villenviertel" entstehen. Gleichzeitig investierten Kirche und Staat kräftig in ihre Lehreinrichtungen auf dem Domberg bzw. auf dem Weihenstephaner Berg. Durch die Verlegung der prestigeträchtigen Eliteeinheit des 1. Jägerbataillons wurde auch der Garnisonstandort Freising gestärkt.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 hatte diese Entwicklung eine erkennbare Abschwächung erfahren. Auch in Freising veränderten der Krieg, die Revolution von 1918/19 und schließlich die neue demokratische Ordnung das politische und gesellschaftliche Leben spürbar.

Der vorliegende Band präsentiert 80 Fotografien aus städtischen und diözesanen Beständen. Prägnant und ausdrucksstark geben sie das Freising des frühen 20. Jahrhunderts wieder.

Der Band ist im Buchhandel erhältlich sowie direkt im Stadtarchiv (24,90 Euro).


Das Archivstück des Monats

Archive gehören wohl zu den unergründlichsten Institutionen, die eine Kulturgesellschaft zu bieten hat. Aufgrund der relativ abstrakten Materie und auch der Tatsache, dass sie über viele Jahrhunderte hinweg den Blicken der Öffentlichkeit entzogen waren, hat sich ein ambivalentes Bild von Archiven herausgebildet: eine Mischung aus fantastischer Wunderkammer und feuchtem Kellergewölbe, dazwischen Archivare und Historiker, die scheinbar aus der Zeit gefallen sind und misstrauisch auf ihren Schätzen sitzen.

Ein solches Bild ist natürlich falsch. Ein Archiv wie das Freisinger Stadtarchiv ist eine öffentliche Einrichtung und eine Dienstleistungsbehörde, die in zweierlei Hinsicht für Bürgerinnen und Bürger da ist:
Zum einen, weil sie - und das ist die Hauptaufgabe des Stadtarchivs - die kontinuierliche Überlieferung des Stadtgeschehens organisiert ("records management"); alles Wesentliche, das sich in einer bestimmten Zeit im Bereich des Freisinger Stadtgebiets ereignet hat, wird idealerweise Eingang in die Überlieferung des Archivs finden und sich in den dortigen Beständen widerspiegeln. Die Überlieferungsbildung erfolgt nicht zufällig, sondern nach wissenschaftlichen Grundsätzen und detailliert ausgearbeiteten Strategien.
Zum anderen ist das Stadtarchiv für Bürgerinnen und Bürger da, indem es die Zeugnisse vergangenen Geschehens für jede und jeden Interessierte(n) bereitstellt, freilich unter Wahrung von Persönlichkeits- und Datenschutzrechten.

Die enorme Quantität und Vielfalt der einzelnen Zeugnisse machen es, wenn man nicht gerade Mitarbeiter im Stadtarchiv ist, sehr schwer, einen Überblick darüber zu erhalten, was sich im Stadtarchiv alles verbirgt. Um ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen und einen tieferen Einblick in die Bestände des Stadtarchivs zu erhalten, werden hier verschiedene Archivalien präsentiert und beschrieben. Das aktuelle Archivstück des Monats finden Sie auf unserer Startseite.
Bei Interesse können Ihnen diese Stücke auch auf Anfrage im Original im Stadtarchiv vorgelegt werden.



Archivstücke 2019

Januar 2019 - Ehemalige Artilleriekaserne mit Reichsadler-Skulptur (um 1940)

Wer die Mainburger Straße (B 301) stadtauswärts geht oder fährt, bewegt sich auf der Hügelkuppe, kurz vor der Linkskurve, geradewegs auf die Überreste der ehemaligen General-von-Stein-Kaserne zu: das rot leuchtende Stabsgebäude, davor der Rest der charakteristischen Bruchsteinmauer. Wohl nur am Rande nimmt man die kleine Grünfläche wahr, die sich im Kreuzungsbereich Mainburger Straße / General-von-Stein-Straße unauffällig zwischen Gehweg und Kasernenmauer schiebt. Die sonst durchgehend freigestellte Mauer ist in diesem Abschnitt kaum zu sehen, denn seit vielen Jahrzehnten wird sie hier von Sträuchern verdeckt. So, als müsste etwas verborgen werden.

Tatsächlich verbirgt sich etwas hinter den Sträuchern: Ein massiv gemauerter Block, der aus demselben Bruchsteinmaterial wie die Kasernenmauer zusammengesetzt ist. Bei genauerer Betrachtung fällt hier ein im oberen Drittel der Vorderseite eingefügter kreisrunder Stein auf, der erkennbar grobschlächtig behauen ist. auf diesem Stein war ursprünglich ein Hakenkreuz angebracht und auf dem Block, der als Postament fungierte, stand ein steinerner Reichsadler. Auf einer Postkarte aus der Zeit um 1940 sind das Postament und die steinerne Adlerskulptur (trotz mäßiger Druckqualität) zu erkennen (vgl. Abb.). Bei öffentlichen NS-Bauten war die Anbringung entsprechender Symbole, in der Regel im Eingangs- oder Auffahrtsbereich, die Norm; so auch bei der 1936 errichteten Freisinger Artilleriekaserne (später "General-von-Stein-Kaserne"). Auch andernorts finden sich noch heute die Überreste solcher Anlagen, insbesondere im Bereich von NS-Kasernenbauten (z.B. ehem. Ritter-von-Möhl-Kaserne in Amberg; Hochstaufen-Kaserne in Bad Reichenhall; Werdenfelser-Kaserne in Murnau). Teilweise sind diese Anlagen dabei als Mahnmale umfunktioniert, teilweise aber lediglich einer pragmatischen Umdeutung unterzogen worden.

In einem an den Freisinger Bürgermeister Emil Berg (amt. 1945-1946) gerichteten Schreiben vom 3. August 1945 befahl der damalige Stadtkommandant der U.S.-Armee, Captain Albert G. Snow, die Beseitigung aller auf dem Stadtgebiet befindlichen Namen, Bilder und Skulpturen, die in irgendeiner Weise mit dem Nationalsozialismus in Verbindung standen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürften auch der Adler und das Hakenkreuz vor der Kaserne entfernt worden sein (um ein NS-Symbol handelte es sich genau genommen nur beim Hakenkreuz; im Gegensatz zu anderen NS-Kasernenbauten wurde im Freisinger Fall auch der Adler abgenommen). Relativ leicht beseitigen ließ sich dabei das Hakenkreuz auf dem kreisrunden Stein: Es wurde ausgemeißelt. Über die Demontage und den weiteren Verbleib des Steinadlers war dagegen lange nichts bekannt. Ein Zeitzeuge aus Neustift konnte jedoch unlängst interessante Angaben dazu machen: Zusammen mit anderen Kindern beobachtete er im Sommer 1945, wie amerikanische Soldaten die Adlerskulptur mit einem LKW an den Waldrand bei der Wiesenthalstraße fuhren und in eine dort befindliche Abfallgrube kippten. Schon kurze Zeit später sei die Grube verfüllt worden, wie sich der Zeitzeuge erinnert.

Heute, fast ein dreiviertel Jahrhundert später, besitzt das steinerne Postament vor der ehemaligen Kaserne ohne Zweifel erinnerungskulturelle Bedeutung: Ursprünglich als Teil eines Monuments der nationalsozialistischen Herrschaft errichtet, erinnert es nunmehr - als Fragment - an das Ende der Schreckensherrschaft sowie an die beginnende Besatzungszeit in Freising. Eine dauerhafte Erhaltung des Postaments im Kontext der Kasernenmauer und des dahinterliegenden ehemaligen Stabsgebäudes wäre ein angemessener Umgang mit der Freisinger Zeitgeschichte.

Autor: Florian Notter


 

Februar 2019 - Ein Handwerksbrief der Freisinger Schuhmacherzunft (1773)

Freising war eines von vielen Etappenzielen auf der weitläufigen Route des 22-jährigen Schuhmachergesellen Joseph Schaffstaller. Er erreichte die Stadt im Winter, zu Beginn des Jahres 1773. Einen längeren Aufenthalt plante er hier nicht. Denn Schaffstaller befand sich auf seiner Gesellenwanderschaft ("auf der Walz"). Für einen Gesellen wie ihn, der seine Lehre innerhalb einer Zunft durchlaufen hatte, waren die anschließende Wanderschaft und die Tätigkeit in möglichst vielen Handwerksbetrieben unterschiedlicher Regionen ein unverzichtbarer Teil des Ausbildungswegs. Für die Zulassung zur Fertigung des Meisterstücks wurde eine erfolgreiche Gesellenwanderschaft in der Regel sogar vorausgesetzt.

In Freising angekommen dürfte sich Joseph Schaffstaller zunächst bei einem Meister seiner Profession, also bei einem Schuhmachermeister, gemeldet haben. Da die Aufnahme von Wandergesellen eine Angelegenheit der jeweiligen Zunft war, ist zu  vermuten, dass die Zuteilung einvernehmlich durch alle Mitglieder der Freisinger Schuhmacherzunft erfolgte. Die Schuhmacherzunft war eine von rund 20 Handwerkszünften der Stadt. Schaffstaller wurde dem Schuhmachermeister Caspar Raspiller zugewiesen, der seine Werkstatt im Eckhaus Brennergasse/Fischergasse, vis-á-vis des Gefängnisses, betrieb. Wahrscheinlich wohnte der Wandergeselle dort auch.

Bereits nach zwei Wochen nahm Joseph Schaffstaller seinen Abschied aus Freising, um weiterzuziehen. Damit er die Tätigkeit später nachweisen konnte, wurde ihm von der Schuhmacherzunft ein Dokument ausgehändigt, das vom 3. Februar 1773 datiert und neben einem Textformular einige handschriftliche Eintragungen zu seiner Person enthielt. Außerdem wurde es von den beiden Oberführern und den beiden Unterführern der Zunft sowie von Caspar Raspiller, seinem Freisinger Meister, unterzeichnet (vgl. Abbildung).

Derartige Dokumente werden allgemein als "Handwerksbriefe" oder auch als "Handwerksurkundschaften" bezeichnet. Sie beziehen sich ausschließlich auf die Betätigung einer Tätigkeit während der Gesellenwanderschaft und sind damit etwa vom Lehr- oder Gesellenbrief, der den erfolgreichen Abschluss der Lehrzeit attestiert, zu unterscheiden. Eine stärkere Formalisierung erhielten Handwerksbriefe mit der 1731 von Kaiser Karl VI. erlassenen Reichshandwerksordnung, die für das Handwerk in allen Territorien des Alten Reichs einheitliche Standards erbringen sollte. Der Typus jener formalisierten Handwerksbriefe fand in der Folgezeit tatsächlich eine starke Verbreitung. Ab etwa 1770 setzte sich nach eine besonders aufwändige Form durch, die neben dem Textformular auch Bildmotive, zumeist Ansichten der jeweiligen Stadt, enthielten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Handwerksbrief von der praktikableren Form des Handwerksbuches abgelöst.

Eine Transkription des Handwerksbriefes finden sie hier.

Aktuell sind elf historische Freisinger Handwerksbriefe bekannt, darunter zwei, die in Freising selbst verwahrt werden: Der hier gezeigte aus dem Stadtarchiv (Schuhmacher-Zunft, 1773, ohne Stadtansicht) und ein weiterer in den Beständen des Historischen Vereins (Lein- und Zeugweber-Zunft, 1803, mit Stadtansicht).

Autor: Florian Notter
Quellen: StadtAFS, Zunftunterlagen, Handwerksbrief 1773; ebd., Häuserkartei (Franz Bichler), Anwesen Fischergasse 1.
Literatur:
Götz, Ulrike: Ein Ersamb Loblich Handtwerch... Die Zunftaltertümer im Museum des Historischen Vereins Freising, in: Glaser Hubert: Freising als Bürgerstadt (35. Sammelblatt des Historischen Vereins Freising), 1996, S. 107-231.
Leutner, Robert: Stadtfinanzen und Bürgervermögen, Schichtung und Brotwerwerb in der geistlichen Residenzstadt Freising um 1600, in: Glaser, Hubert: Freising als Bürgerstadt (35. Sammelblatt des Historischen Vereins Freising), 1996, S. 29-105.
Sczesny, Anke: Zünfte, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: (12.01.2019>http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Zünfte>(12.01.2019).


 

März 2019 - Fotopostkarte: Ausrufung der Räterepublik in Freising (1919)

Die Revolution von 1918/19 in Bayern dauerte nur wenige Monate, alles in allem ein halbes Jahr. Trotz der vergleichsweise kurzen Zeitspanne gestaltet sich der Zugriff auf diese historische Phase bis heute nicht leicht, denn die Ereignisse sind von einer enormen Dichte und Vielschichtigkeit – und damit außerordentlich komplex. Mittelpunkt des Umsturzes war stets die Landeshauptstadt, doch griffen die dortigen Entwicklungen weit aus und erreichten viele bayerische Städte und Gemeinden, darunter auch Freising.

Ihren Anfang nahmen die revolutionären Ereignisse am 7. November 1918 in München: Im Rahmen einer Friedenskundgebung auf der Theresienwiese, die von den Freien Gewerkschaften, der SPD und der USPD initiiert wurde, gelang es Teilen letzterer Partei, die in den Münchner Kasernen stationierten Soldaten für einen politischen Umsturz zu gewinnen (die sozialistische USPD, die „Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands“, war erst 1917 als Abspaltung der SPD neu gegründet worden). Noch am selben Tag konnten die Revolutionäre die wichtigsten infrastrukturellen Einrichtungen Münchens unter ihre Kontrolle bringen und bildeten – nach sozialistischem Vorbild – einen Arbeiter- und Soldatenrat (diesem Beispiel sollten in den darauffolgenden Tagen zahlreiche bayerische Städte folgen, so auch Freising, wo am Abend des 8. November ebenfalls ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet wurde). Nennenswerten Widerstand dagegen gab es nirgendwo, wohl nicht zuletzt aufgrund der allgemeinen Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung. In der Nacht auf den 8. November proklamierte der Münchner USPD-Führer Kurt Eisner den „Freistaat Bayern“. Bis zur Abhaltung von Landtagswahlen, die eine legitime Grundlage für Parlament und Regierung schaffen sollten, wurde mit dem „Provisorischen Nationalrat“ eine Art Interimsparlament eingerichtet. Diesem Gremium gehörten Mitglieder verschiedener bisheriger Landtagsfraktionen sowie Vertreter der neu gegründeten Arbeiter- Soldaten- und Bauernräte an. Der „Provisorische Nationalrat“ bestätigte die zwischen SPD und USPD vereinbarte provisorische Regierung unter der Führung von Ministerpräsident Eisner, konnte sich aber in den folgenden Wochen nicht gegen die Machtfülle der Regierung behaupten und verlor an Bedeutung. Ebenso allgemein gehalten und im Wesentlichen auf die lokale Ebene begrenzt blieben die Kompetenzen der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte – auch wenn sie von der Regierung als „Grundlage des neuen Regierungssystems“ bezeichnet wurden. Die ersten demokratischen Landtagswahlen am 12. Januar 1919 brachten für den Ministerpräsidenten und seine USPD ein niederschmetterndes Ergebnis: Lediglich 2,5 Prozent der Stimmen konnten sie auf sich vereinen. Seinen durch das Wahlergebnis letztlich unvermeidlichen Rücktritt vom Amt des Ministerpräsidenten konnte Eisner nicht mehr verlesen. Auf dem Weg zur entscheidenden Landtagssitzung wurde er am 21. Februar 1919 vom Studenten Anton Graf von Arco auf Valley erschossen.

Nach Eisners Tod begann eine neue Phase der Revolution. Schon nach den Landtagswahlen hatten sowohl im linken, sozialistischen als nach und nach auch im rechten, überwiegend monarchistisch geprägten Lager die radikalen Kräfte an Bedeutung gewonnen. Jetzt, Ende Februar und den März über, spitzte sich die Lage weiter zu. Bereits am Tag nach Eisners Ermordung wurde mit dem „Zentralrat der Republik Bayern“ ein zentrales sozialistisches Rätegremium geschaffen. Auf dem zwischen 25. Februar und 8. März 1919 stattfindenden „Kongress der bayerischen Räte“ konnten sich die Anhänger einer Ausrufung der „sozialistischen Räterepublik“ allerdings nicht durchsetzen – ein entsprechender Antrag wurde mit 234 zu 70 Stimmen abgelehnt. Stattdessen einigte man sich in langwierigen Verhandlungen mit der SPD, die bei den Landtagswahlen mit 33 Prozent ein starkes Ergebnis erhalten hatte und an einer parlamentarischen Regierungsform festhielt, auf die Bildung einer neuen Regierung unter der Führung von Johannes Hoffmann (SPD). Am 17. März 1919 wurde dieser vom Landtag zum neuen Ministerpräsidenten gewählt.

Die letzte, mitunter stark radikalisierte und blutige Phase der Revolution begann am 7. April 1919, als in München die „Baierische Räterepublik“ ausgerufen wurde. Die Regierung Hoffmann hatte es in den vergangenen Wochen nicht vermocht, den Anhängern einer Räterepublik und ihrer Forderung nach Sozialisierungsmaßnahmen zu begegnen. Sie floh nach Bamberg. Die Forderung, die parlamentarische Demokratie durch ein Rätesystem nach sowjetischem Vorbild zu ersetzen, wurde unter den Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräten im Land zunehmend populärer. Wiederum folgten zahlreiche Städte dem Münchner Vorbild. Während die „Baierische Räterepublik“ in den meisten bayerischen Städten jedoch nur eine kurze Episode von wenigen Tagen geblieben ist, kam es besonders in München zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Mit großer Brutalität bereiteten Reichswehrverbände und Freikorps der Räterepublik am 1. und 2. Mai 1919 auch dort ein Ende.

Einen Eindruck, wie sich die revolutionären Ereignisse von 1918/19 in Freising darstellten, vermittelt uns eine Fotopostkarte des Fotografen Josef Hofmann (1884-1955) (vgl. Abb.). Hier ist der Beginn der letzten Revolutionsphase, die Ausrufung der „Baierischen Räterepublik“, festgehalten. Die Karte zeigt mehrere hundert Menschen, die sich am Nachmittag des 7. April 1919 im Hof der Jägerkaserne (spätere „Vimy-Kaserne“) versammelten und der Räterepublik ihre Loyalität bekundeten. Die Redner, darunter der Freisinger SPD-Führer Ferdinand Zwack, standen vor den heutigen Anwesen Major-Braun-Weg 6, 8 und 10. In den letzten Apriltagen 1919, unter dem Eindruck der herannahenden Regierungstruppen, sagten sich auch die Freisinger Anhänger von der Räterepublik los – was im Gegensatz zu München weitgehend friedlich und unblutig geschah.

Autor: Florian Notter
QUELLEN: StadtAFS, NL Franz Bichler, Postkarten-Selekt. 
WEITERFÜHRENDE LITERATUR: Grau, Bernhard: Revolution 1918/19, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Revolution,_1918/1919 (19.02.2019)  •  Hürten, Heinz: Revolution und Zeit der Weimarer Republik, in: Schmid, Alois (Hg.): Handbuch der bayerischen Geschichte IV/1, München 22003, S. 439-498, hier bes. 440-464  •  Lehrmann, Florian: Freising 1918/19. Die Stadt in den Monaten nach Novemberrevolution und Kriegsende, in: Götz, Ulrike (Hg.): 44. Sammelblatt des Historischen Vereins Freising, Freising 2018, S. 51-94.


 

April 2019 - Textheft zur Aufführung von Carl Heinrich Grauns "Der Tod Jesu" im Freisinger Dom (1782)

In der Sammlung historischer Druckschriften im Stadtarchiv Freising befindet sich ein äußerlich unscheinbares, kleinformatiges Heft, das sich aus fünf Blatt von 16,3 auf 10,5 Zentimeter zusammensetzt. Es stammt aus der Werkstatt des fürstbischöflichen Hofbuchdruckers Franz Singer. Wie dem Titelblatt zu entnehmen ist, handelt es sich dabei um ein Textheft, das anlässlich einer Freisinger Aufführung von Carl Heinrich Grauns Passionsoratorium "Der Tod Jesu" im Jahr 1782 gedruckt wurde. Sämtliche Rezitativ-, Arien-, Chor- und Choraltexte des Werks sind darin enthalten.

Zu hören war das Passionsoratorium am Karfreitag, den 29. März 1782, um 19 Uhr im Freisinger Dom - und zwar, wie auf dem Titelblatt erwähnt wird, im Bereich des Heiligen Grabes, einer während der Karwoche aufgestellten Nachbildung der Grablege Jesu Christi. Ausführende Musiker waren die Sänger und Instrumentalisten der fürstbischöflichen Hofkapelle. Die musikalische Leitung lag vermutlich in Händen des Vizekapellmeisters Wilhelm Joseph von Pauli. Hofkapellmeister Placidus von Camerloher war zu diesem Zeitpunkt bereits erkrankt und starb nur wenige Monate später, im Juli 1782. Trotz des entsprechenden zeitlichen und räumlichen Kontextes handelte es sich bei der Aufführung freilich nicht um ein Element der Karfreitagsliturgie, sondern um ein außerliturgisches, konzertantes Ereignis.

Die Freisinger Aufführung des Passionsoratoriums "Der Tod Jesu" im Jahr 1782 ist insofern bemerkenswert, als es sich dabei um ein Werk handelt, das in einem explizit protestantischen Umfeld entstanden ist. Den Text hatte der preußische Dichter und nachmalige Berliner Schauspieldirektor Karl Wilhelm Ramler (1725-1798) geschaffen, die Musik der königlich-preußische Kapellmeister am Hof Friedrichs des Großen, Carl Heinrich Graun (1704-1759). Uraufgeführt worden war es 1755 in Berlin. Das wegen seiner Klarheit und schlichten Eindringlichkeit bald sehr populäre Werk erreichte nach einigen Jahren auch katholische Regionen - die Prozesse der Aufklärung hatten die zweieinhalb Jahrhunderte bestehenden konfessionellen Gegensätze inzwischen so stark abgemildert, dass zumindest punktuell möglich wurde, was wenige Jahrzehnte zuvor, in den 1720er oder 1730er Jahren, noch undenkbar gewesen ist: protestantische Kirchenmusik in einer katholischen Kirche. Eine frühe Aufführung des Passionsoratoriums in katholischem Umfeld ist beispielsweise 1765 für Köln belegt, die (ebenso katholische) kaiserliche Residenzstadt Wien hörte das Passionsoratorium dann erstmals 1787. Die Aufführung im Freisinger Dom lag da bereits fünf Jahre zurück.

Autor: Florian Notter
Quellen: StadtAFS, Druckschriftensammlung.
Weiterführende Literatur:
Lölkes, Herbert: Ramlers "Der Tod Jesu" in den Vertonungen von Graun und Telemann. Kontext, Werkgestalt, Rezeption (Marburger Beiträge zur Musikwissenschaft 8). Kassel; u.a. 1999. S. 105-123.
Pfeiffer, Harald: Einführung in Carl Heinrich Grauns Passionskantate "Der Tod Jesu" auf dem Webauftritt der Heidelberger Studentenkantorei. In: www.studentenkantorei.de/graunkpl.htm (zuletzt aufgerufen am 11.03.2019).


 

Mai 2019 - Freisinger Schmetterlinge aus Josef Adams "Heimatkunde" (1922)

Nach seiner Ausbildung am Freisinger Schullehrerseminar stand der junge Volksschullehrer Josef Adam plötzlich ohne Arbeit da. Zu Beginn der 1920er Jahre, in Zeiten politischer und wirtschaftlicher Krisen, war das keine Seltenheit. Der Junglehrer ließ jedoch nichts unversucht: Um bei Bewerbungen etwas von seinem Wissen und seinen Fähigkeiten zeigen zu können und um damit größere Chancen auf eine Arbeitsstelle zu  erhalten, fertigte Josef Adam eine umfangreiche Handschrift an, der er den knappen Titel "Freising-Heimatkunde" gab; 1922 war diese im Wesentlichen fertiggestellt. Mit der Handschrift sollten die Möglichkeiten des heimatkundlichen Unterrichts exemplarisch dargestellt werden. Auf 166 Seiten gestochen schöner Handschrift bildete Adam gewissermaßen den gesamten kleinen Freisinger "Kosmos" ab: In überaus lebendiger Sprache erzählte er von der der Freisinger Geschichte, von historischen Bauwerken, von der örtlichen Flora und Fauna, von besonderen Kunstwerken, aber auch vom Gesellschaftsleben und vom Brauchtum in Stadt und Umland. Immer wieder fließen eigene Lebenserinnerungen mit ein, was Erzählungen anschaulicher macht. Von besonderem Wert sind die den Texten beigefügten und von Adam selbst gefertigten kleinformartigen Aquarelle, 93 an der Zahl.

Im Abschnitt über die Freisinger Tierwelt geht der Junglehrer kurz auf einige lokale Schmetterlingsarten ein. Fünf davon hat er aquarelliert (vgl. Abb.). Bevor wir Josef Adam mit diesem kleinen ausschnitt aus seiner Heimatkunde selbst zu Wort kommen lassen, sein noch erwähnt, dass er nach einiger Zeit eine Anstellung finden konnte und viele Jahrzehnte später seine Berufskarriere als Schuldirektor in Moosburg beendete.

"Bereits im 6. Schuljahr (1907) legte ich den Grund zu einer Schmetterlingssammlung unter der Leitung meines Onkels. Früh morgens, besonders im Mai und Juni, suchte ich unter den elektrischen Bogenlampen und Gaslaternen nach Nachschwärmern, wobei es mir oft glückte, eine reiche und auch seltene Beute heimzubringen.
Man sagt nämlich, die Schmetterlinge würden, kommen sie dem Licht zunahe, betäubt, können nicht mehr fliegen, und fallen zu Boden. Es ist das jedoch nur eine Annahme. Bei mir jedoch hat sie sich bestätigt gefunden.

Auf dem Boden, an den Wänden, oder Fensterläden der Häuser konnte ich die schönsten Exemplare mühelos ernten. So z.B. hätte ich den Braunen Bären (Arctia caja) [Abb. 01] zu Dutzenden von Stücken nach Hause bringen können. Seit 5 Jahren aber wird dieser Spinner immer seltener. Das gleiche gilt von unseren beiden schönsten und größten Schwärmern, dem Totenkopf (Sphingidae Atropos) [Abb. 02] und dem Oleanderschwärmer (sphingidae nerii). Beide sind Seltenheiten unserer heimatlichen Schmetterlingswelt geworden und am "Aussterben".

Doch schaue ich zurück, so weiß ich noch wie im Jahre 1909 Kartoffelklauberinnen ca. 50 Puppen des Totenkopfes für 10 d [Pfennig] das Stück vor der Präparandenschule [in der Haydstraße] verkauften. (die Raupe des Totenkopfes lebt ja auf Kartoffelkraut und verpuppt sich unter der Erde.) Ein Zeichen, daß dieser Schwärmer früher bei uns nicht selten war.
Auch aus der Familie der Edelfalter (Gattung Apatura) sind zwei Schmetterlinge zu nennen, die ich früher in den Isarauen häufig sah, während sie jetzt nur mehr selten zu finden sind, und das wären 1. der Große Schillerfalter, Blauschiller genannt (Apatura Iris) [Abb. 03], 2. der Rote Schillerfalter (Rotschiller, A[patura] ilia var[ians] clytie) [Abb.04].

Bei uns ausgestorben, und in einer Sammlung sich selten befindender Schmetterling der Gattung Limenitis ist der Große Eisvogel. (Limenitis populi.)
Dagegen tritt in unserer Gegend recht zahlreich der Ligusterschwärmer (Sphinx ligustri) [Abb. 05] auf. Seine Raupe lebt hier ausschließlich auf jungen Eschen und ich könnte manchen Schmetterlingssammler hier in Freising (fast in der Stadt) einen Platz nennen, wo jene alle Jahre im Juni-Juli und September-Oktober in vielen Exemplaren zu finden wäre[n]."

Autor: Florian Notter
Quelle: Stadt AFS, Handschriftensammlung.


 

Juni 2019 - Verwaltungsinterner Bericht über die Gründung der Freisinger SPD (1894)

Vor 125 Jahren, am 11. Februar 1894, wurde die Freisinger SPD gegründet - damals unter der Bezeichnung "Sozialdemokratischer Wahlverein". Gründungsort war der Kerscherwirt (auch "Gasthaus zum Steindl"), im Zwickel zwischen der Vöttinger und der Thalhauser Straße gelegen (vgl. Abb.). Wie der zeitgenössischen Presseberichterstattung des Freisinger Tagblatts zu entnehmen ist, interessierte sich für die Gründungsversammlung eine überaus große Zahl an Personen; nur etwa ein Viertel konnte einen Platz im Inneren der Wirtschaft finden. Wesentlicher Grund für den Andrang dürfte der Auftritt des Hauptredners Georg von Vollmar gewesen sein. Der populäre Sozialdemokrat war Abgeordneter im Bayerischen Landtag, zugleich Reichstagsabgeordneter in Berlin und Vorsitzender der bayerischen SPD. Initiiert und organisiert hatte die Gründungsversammlung allem Anschein nach der Zinngießergehilfe Ludwig Klingseisen. Über ihn ist derzeit nur bekannt, dass er unmittelbar nach der Gründungsveranstaltung von seinem Arbeitgeber "wegen seines sozialdemokratischen Bekenntnisses", wie es in städtischen Unterlagen heißt, entlassen wurde und Freising daraufhin den Rücken kehrte, um anderswo Arbeit zu finden.

Die Gründung der Freisinger SPD 1894 ist vor dem Hintergrund des Wiedererstarkens der deutschen Sozialdemokratie in den 1890er Jahren zu sehen. Bismarcks "Sozialistengesetz", das ab 1878 die politische Arbeit der Sozialdemokraten auf vielen Felder illegalisierte und ihre Wirkungsmacht einschränkte, wurde 1890 vom Reichstag nicht verlängert. Die Abhaltung von Versammlungen, die Gründung von lokalen Vereinen oder die Publikation von politischen Schriften wurden für due Sozialdemokraten nun wieder möglich. Dass man ihnen regierungs- und behördlicherseits nach wie vor mit Misstrauen begegnete, zeigte der Umstand, dass man ihre Versammlungen offiziell beobachtete - auch in Freising.

Zur Gründungsversammlung des "Sozialdemokratischen Wahlvereins" am 11. Februar 1894 wurde der städtische Kanzlist Johann Stärzl abgeordnet: Er hatte darauf zu achten, dass die Versammlung entsprechend den Vorgaben des bayerischen Vereinsgesetzes verlief, außerdem musste er ein Protokoll darüber anfertigen. Ebendieses Protokoll, dass die Gründungsversammlung aus der nüchternen Perspektive der kontrollierenden Behörde wiedergibt, hat sich in den Aktenbeständen des Stadtarchivs Freising erhalten (vgl. Abb. der ersten Protokollseite. Hier finden Sie eine Transkription des Textes.).

Autor: Florian Notter
Quellen: StadtAFS, AA II, Nr. 1594; ebd., Postkartensammlung; ebd., Stadtgeschichtliche Dokumentation, Häuserkartei, Vöttinger Straße 22.


 

Juli 2019 - Lithographie: Freising von Norden (um 1828)

Um das Jahr 1828 kam in München eine kleine Serie von Lithographien auf den Markt, bestehend aus insgesamt 23 Ansichten verschiedener bayerischer Städte, darunter Freising (Nr. 10). Lithographiert hatte sie Gustav Wilhelm Kraus (1804-1852), überwiegend nach Vorlagen des Malers Heinrich Adam (1787-1862). Den Druck besorgte in der ersten Auflage der Münchner Joseph Selb (1784-1832). Ein altkoloriertes Exemplar der Freising-Ansicht jener ersten Auflage befindet sich in der Graphischen Sammlung des Stadtarchivs.

Als Heinrich Adam in Freising einen Standpunkt suchte, von dem aus er die Vorzeichnung für die Lithographie fertigen konnte, fiel die Wahl auf einen der Hügel im Norden der Stadt, den heute sogenannten "Lankesberg". Es war eine Entscheidung für die "klassische" Perspektive der Freisinger Stadtansicht, die sich seit dem 16. Jahrhundert zahlreiche Maler, Holz- oder Kupferstecher zu Eigen gemacht hatten. Hier, auf den nordseitigen Hügeln, ließ sich die Stadt in ihrer charakteristischen Ost-West-Ausdehnung einschließlich ihres topographischen Kontextes (Isar, Schotterebene, Alpenkette) besonders aussagekräftig erfassen.

Die Lithographie gehört zu den ersten Ansichten, die Freising nach der Mediatisierung und der Säkularisation von 1802/03 zeigen. Das Ende der fürstbischöflichen Herrschaft, die Auflösung des Hofes, die Aufhebung des Domstifts, der Kollegiatstifte und der Klöster, die Zerstörung zahlreicher Kirchengebäude, der weitgehende Ausverkauf von Kulturgütern und schließlich die Verlegung des Bischofssitzes nach München - das alles hatte sich im zurückliegenden Vierteljahrhundert ereignet; ganz abgesehen von den schwierigen äußeren Umständen, die besonders von den Koalitionskriegen (1792 bis 1815) oder der letzten großen Hungerkrise (1816/17) geprägt waren.

Von den Widrigkeiten jener Jahre lässt das helle, fröhliche Blatt kaum etwas erahnen. Trotz der Kirchenabbrüche der Säkularisationszeit wird die Silhouette noch immer von einer ansehnlichen Zahl an Kirchtürmen bestimmt. Dominierend erhebt sich mittig der Domberg über der Stadt. Während der östliche (links) und mittlere Teil des Bergs die Abbruchwelle relativ unversehrt überstanden haben, klafft im westlichen Teil (rechts) eine Lücke: Hier erhob sich bis zu ihrem Abbruch 1807 die Kollegiatstiftskirche St. Andreas. Der große Turm des Residenzschlosses, der mittelalterliche "Khueturm" (mittig), ist hier in einer letzten Darstellung zu sehen; im Sommer 1828 sollte er bis auf die Höhe der Dachtraufe des Schlosses abgerissen werden. Die Johanneskirche westlich des Doms trägt noch ihren Dachreiter.

Von der Bürgerstadt sind aufgrund der Tallage nur die markanteren Baulichkeiten auszumachen. Am Nordosteck der Stadt (links außen) spitzt der zinnenbewehrte Turm des Murntors (auch Landshuter Tor, Judentor) hervor; als erstes der sechs Stadttore fiel es 1831. Daneben ragt der Turm der Heiliggeistkirche aus der Dachlandschaft. Noch unversehrt präsentiert sich die Anlage des ehemaligen Franziskanerklosters. In den frühen 1840er Jahren wurde ein Großteil der Gebäude abgebrochen und auf dem Gelände die neue Mädchenschule (heute Grundschule St. Korbinian) errichtet. Die Klosterkirche hatte man dabei um etwa die Hälfte verkürzt und in einen Betsaal umgewandelt (heute Schulaula); das ursprüngliche hohe Kirchendach wurde dabei stark abgeflacht. Nördlich des Klosterareals ist der Bürgerturm zu erkennen. Im mittleren und oberen Teil der Bürgerstadt (rechts) fällt die Stadtpfarrkirche auf, östlich (links) davon sind die Dachreiter des gotischen Rathauses, der alten Hochschule ("Asamgebäude") sowie der Gefängnisturm auszumachen. Von der beeindruckenden Anlage des einstigen Benediktinerklosters Weihenstephan (rechts außen auf dem Berg) stehen nur mehr wenige Gebäudeflügel. Als die Lithographie gefertigt wurde, sind hier schon seit vielen Jahren eine Musterlandwirtschaftsschule, eine Forstschule und die "Centralbaumschule" untergebracht.

Autor: Florian Notter
Quellen: StadtAFS, Graphische Sammlung.
Literatur:
Birkmeyer, Karl: Gustav Wilhelm Kraus. Maler und Lithograph, in: Oberbayerisches Archiv 90 (1968), S. 114-127.
Pressler, Christine: Gustav Kraus 1804-1852. Monographie und kritischer Katalog, München 1977.
Pressler, Christine: Kraus, Gustav, in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 687.


 

September 2019 - Aufstellung über die 1648 von der schwedischen Armee geforderten Brandschaftzungsgelder (1651)

Während des Dreißigjährigen Kriegs (1618-1648) war Freising mehrfach Schauplatz militärischer Offensiven. Mit dem Vorrücken feindlicher, so vor allem schwedischer und später auch französischer Truppen bis nach Bayern musste die Stadt in regelmäßigen Abständen schwere Drangsale über sich ergehen lassen. Die Kriegsgewalt entlud sich hier besonders in den Jahren 1632, 1634 und 1648: Immer wieder kam es zu Plünderungen der Häuser und zu körperlicher Gewalt gegenüber Bewohnern, auch Tote waren zu beklagen; die schwedische Armee drohte darüber hinaus mehrfach mit dem Niederbrennen der Stadt, um hohe Brandschatzungsgelder erpressen zu können.

Im Frühjahr des letzten Kriegsjahrs 1648, während in Münster und Osnabrück bereits der (nachmals sogenannte) „Westfälische Friede“ ausgehandelt wurde, fielen schwedische und französische Truppen noch einmal in Süddeutschland ein. Nach der letzten großen Schlacht des Dreißigjährigen Kriegs, die am 17. Mai 1648 zwischen einem schwedisch-französischen und einem kaiserlich-bayerischen Heer bei Zusmarshausen zuungunsten des letzteren ausgefochten wurde, zogen die Sieger eine Schneise der Verwüstung durch Bayern. In der ersten Juni-Hälfte geriet die fürstbischöfliche Residenzstadt Freising, die politisch nicht zu Bayern gehörte, kurzzeitig zu einem militärischen Brennpunkt des Krieges. Grund dafür war die von der bayerischen Armee betriebene, mit dem Fürstbischof jedoch nicht abgestimmte Einrichtung einer militärischen Abwehrstellung auf dem Freisinger Domberg. Dieses militärisch sinnlose Projekt hatte fatale Folgen: Der Domberg wurde von schwedischen und französischen Geschützen beschossen und mehrere Gebäude, darunter vor allem die Residenz, schwer beschädigt. Nach dem schnellen Ende der bayerischen Abwehr wurde Freising abermals von schwedischen Truppen besetzt und geplündert. Und: Wie schon 1632 und 1634 wurden vom Hochstift hohe Brandschatzungsgelder eingefordert.

Die Höhe dieser Brandschatzungssumme bewegte sich nach anfänglichen Vorstellungen der Schweden bei astronomischen 30.000 Reichstalern, die auf dem Verhandlungsweg aber auf 6.000 Reichstaler (9.000 Gulden) reduziert werden konnten. Die fürstbischöfliche Regierung brachte die Summe nur durch Kreditaufnahme und Verpfändung von Immobilien auf. Ein Teil der Gelder wurde sofort als außerordentliche Steuer auf die Hochstiftsuntertanen, darunter auch die Einwohner Freisings, umgelegt. Der Anteil, den die Stadt Freising aufzubringen hatte, betrug 1.800 Gulden.

Wie jede Steuererhebung wurde auch die schwedische Brandschatzungssteuer von 1648 schriftlich festgehalten. In der vorliegenden „Anlag Rechnung“ hatte man jeden Einwohner der Stadt samt seinem unbeweglichen und wertvolleren beweglichen Vermögen erfasst und den jeweils zu leistenden Anteil berechnet (vgl. das abgebildete Titelblatt und die erste Seite). Es handelte sich dabei also um eine Art außerordentliche Grund- und Vermögenssteuer. Der abzuführende Anteil bewegte sich bei rund 0,6 bis 0,9 Prozent, lag damit also vergleichsweise niedrig – angesichts der Kriegswirren und der allgemeinen Notlage dürfte die Summe für die Mehrzahl der Freisinger trotzdem ein finanzieller Kraftakt gewesen sein. Das würde erklären, warum man den Betrag erst nach drei Jahren, also 1651, beisammenhatte. In diesem Jahr brachten die beiden für die Stadt Freising zuständigen Steuereinnehmer, die Bürgermeister Caspar Thaimer und Christoph Schaurmayr, die komplettierte Summe zur fürstbischöflichen Hofkammer in die Residenz – von den vielen Kriegslasten hatte sich damit zumindest diese eine erledigt.

Eine Transkription der ersten Seite der Brandschutzanlage finden sie hier.

Neben dem hier gezeigten Anlagsbuch existiert im Stadtarchiv Freising noch ein weiteres, fast identisches Amtsbuch zur selben Angelegenheit, in dem die Einwohner mit ihren bezahlten oder noch im Ausstand haftenden Summen aufgelistet sind. Beide Bücher sind in Pergamentmakulaturen eingebunden; da man die spätmittelalterlichen Musikhandschriften nicht mehr benötigte, fanden sie – wie es in jener Zeit allgemein üblich war – als Bucheinbände eine neue Verwendung.

Autor: Florian Notter
Quellen: StadtAFS, B I, BrSchR, Nr. 1.
Literatur: Weber, Leo: Veit Adam von Gepeckh Fürstbischof von Freising, 1618 bis 1651 (Studien zur altbayerischen Kirchengeschichte 3/4), München 1972.


 

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