Eine der Kernaufgaben des Stadtarchives ist die historische Bildungsarbeit, in deren Rahmen verschiedene Veröffentlichungen entstehen. Ein Teil der Publikationen ist das Ergebnis unserer Forschungstätigkeit im Bereich der Geschichte der Stadt, des ehemaligen Hochstifts und der Diözese Freising; sie finden Eingang in die Reihe "Schriften des Stadtarchivs Freising". Die Reihe "Kataloge des Stadtarchivs Freising" dient der Publikation von Bild- und Textmaterial unserer Ausstellungen. Das "Archivstück des Monats" gibt alle paar Wochen einen kleinen, aber sicher feinen Einblick in die reichen Bestände des Stadtarchivs.

Schriftenreihe des Stadtarchivs Freising

Die Reihe "Schriften des Stadtarchivs Freising" dient der Veröffentlichung wissenschaftlicher Untersuchungen zur Geschichte der Stadt, der Diözese und des ehemaligen Hochstifts Freising. Sie wurde in den Jahren 2015/16 konzipiert.

Bisher sind folgende Bände erschienen:

Band 1: Freising als "Stadt des Bieres". Kulturgeschichtliche Aspekte

Die Produktion und der Konsum von Bier haben die wirtschaftliche, politisch-gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung der Stadt Freising zwar in unterschiedlicher Intensität, aber doch stetig begleitet. Es ist ein ungemein facettenreiches Bild, das sich aus den vielerlei erhaltenen Zeugnissen in diversen Archiven und Museen zu diesem Thema ergibt. Der Band versucht, einige stadtgeschichtliche Aspekte rund ums Thema Bier näher zu beleuchten. Neben einem umfangreichen Überblick über alle historischen Brauereien in Freising werden darin folgende Themen aufgegriffen: die mittelalterlichen Quellen zum Freisinger Brauwesen, der Braubetrieb des fürstbischöflichen Hofbräuhauses im 17. und 18. Jahrhundert, die Architektur Freisinger Brauereien und Braugasthäuser des 19. Jahrhunderts, eine in den Jahren um 1900 in der Stadt existierende Steinzeugfabrik sowie die 150-jährige Geschichte der Braufakultät in Weihenstephan.

Der Band ist im Buchhandel und direkt im Stadtarchiv erhältlich (34,90 Euro).


Kataloge des Stadtarchivs

In der Reihe "Kataloge des Stadtarchivs Freising" finden die Ausstellungen des Stadtarchivs ihren publizistischen Niederschlag.

Bisher sind folgende Bände erschienen:

Band 1: Freising in der Frühzeit der Fotografie. 60 Aufnahmen der Jahre 1860 bis 1900 (2015)

Sie gehören zweifellos zu den Raritäten der Sammlungsbestände des Stadtarchivs Freising: die Fotografien aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Lokale Pioniere der Fotografie wie Anton Unthal, Julius Lösch und Franz Ress haben Freising vor beziehungsweise während eines vielschichtigen gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Veränderungsprozesses ins Bild gesetzt. Der vorliegende Band präsentiert eine Auswahl von 60 Fotografien der 1860er bis 1890er Jahre. Der Kernbestand aus der Sammlung des Stadtarchivs Freising wird dabei um einige Fotografien aus den Sammlungen des Historischen Vereins Freising, der Freiwilligen Feuerwehr Freising, des Archivs des Erzbistums München und Freising, der Dombibliothek Freising sowie von privater Seite ergänzt. Jede Fotografie ist dabei mit einer eingehenden Beschreibung versehen.

Der Band ist im Buchhandel erhältlich sowie direkt im Stadtarchiv (24,90 Euro).

Band 2: Aufbruch und Umbruch. Freising in Fotografien der Jahre 1900 bis 1920 (2017)

Freising, die alte Bischofsstadt an der Isar, befand sich in den Jahren um 1900 in Aufbruchstimmung. Die Stadt wuchs deutlich über ihre alten Grenzen hinaus: Die Vorstädte wurden größer und mit der Eingemeindung des Nachbarortes Neustift konnte das Stadtgebiet erheblich erweitert werden. Partieller Wohlstand ließ auf den nordseitigen Anhöhen das neue "Villenviertel" entstehen. Gleichzeitig investierten Kirche und Staat kräftig in ihre Lehreinrichtungen auf dem Domberg bzw. auf dem Weihenstephaner Berg. Durch die Verlegung der prestigeträchtigen Eliteeinheit des 1. Jägerbataillons wurde auch der Garnisonstandort Freising gestärkt.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 hatte diese Entwicklung eine erkennbare Abschwächung erfahren. Auch in Freising veränderten der Krieg, die Revolution von 1918/19 und schließlich die neue demokratische Ordnung das politische und gesellschaftliche Leben spürbar.

Der vorliegende Band präsentiert 80 Fotografien aus städtischen und diözesanen Beständen. Prägnant und ausdrucksstark geben sie das Freising des frühen 20. Jahrhunderts wieder.

Der Band ist im Buchhandel erhältlich sowie direkt im Stadtarchiv (24,90 Euro).


Das Archivstück des Monats

Archive gehören wohl zu den unergründlichsten Institutionen, die eine Kulturgesellschaft zu bieten hat. Aufgrund der relativ abstrakten Materie und auch der Tatsache, dass sie über viele Jahrhunderte hinweg den Blicken der Öffentlichkeit entzogen waren, hat sich ein ambivalentes Bild von Archiven herausgebildet: eine Mischung aus fantastischer Wunderkammer und feuchtem Kellergewölbe, dazwischen Archivare und Historiker, die scheinbar aus der Zeit gefallen sind und misstrauisch auf ihren Schätzen sitzen.

Ein solches Bild ist natürlich falsch. Ein Archiv wie das Freisinger Stadtarchiv ist eine öffentliche Einrichtung und eine Dienstleistungsbehörde, die in zweierlei Hinsicht für Bürgerinnen und Bürger da ist:
Zum einen, weil sie - und das ist die Hauptaufgabe des Stadtarchivs - die kontinuierliche Überlieferung des Stadtgeschehens organisiert ("records management"); alles Wesentliche, das sich in einer bestimmten Zeit im Bereich des Freisinger Stadtgebiets ereignet hat, wird idealerweise Eingang in die Überlieferung des Archivs finden und sich in den dortigen Beständen widerspiegeln. Die Überlieferungsbildung erfolgt nicht zufällig, sondern nach wissenschaftlichen Grundsätzen und detailliert ausgearbeiteten Strategien.
Zum anderen ist das Stadtarchiv für Bürgerinnen und Bürger da, indem es die Zeugnisse vergangenen Geschehens für jede und jeden Interessierte(n) bereitstellt, freilich unter Wahrung von Persönlichkeits- und Datenschutzrechten.

Die enorme Quantität und Vielfalt der einzelnen Zeugnisse machen es, wenn man nicht gerade Mitarbeiter im Stadtarchiv ist, sehr schwer, einen Überblick darüber zu erhalten, was sich im Stadtarchiv alles verbirgt. Um ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen und einen tieferen Einblick in die Bestände des Stadtarchivs zu erhalten, werden hier verschiedene Archivalien präsentiert und beschrieben. Das aktuelle Archivstück des Monats finden Sie auf unserer Startseite.
Bei Interesse können Ihnen diese Stücke auch auf Anfrage im Original im Stadtarchiv vorgelegt werden.



Januar 2020 - Denkmalprojekt für König Ludwig II. in Freising (1906/07)

König Ludwig II. (1845-1886, reg. seit 1864) gilt heute unbestritten als der populärste Herrscher Bayerns. Seine komplexe Persönlichkeit, die große Zahl an außergewöhnlichen Bauunternehmungen und nicht zuletzt auch sein unter bis heute ungeklärten Umständen erfolgter Tod im Starnberger See üben auf eine breite nationale wie internationale Öffentlichkeit eine enorme Faszination aus. Tatsächlich setzte diese besonders intensive Popularität um die Person Ludwigs II. erst nach seinem Tod 1886 ein, zu seinen Lebzeiten wurde ihm insgesamt nicht mehr (und nicht weniger) Aufmerksamkeit zuteil als seinen Vorgängern.

Als beliebte Form der Erinnerungskultur etablierte sich in den Jahren nach dem Tod des Königs zunächst vor allem die Errichtung von Denkmälern. Es verging kaum ein Jahr, an dem nicht irgendwo im Königreich eine Statue, eine Büste, ein Medaillon oder eine Gedenktafel für Ludwig II. enthüllt wurde. Erst mit dem Ende der Monarchie in Bayern 1918 erlahmte das Interesse. Einen neuen Aufschwung gab es für Ludwig-II.-Denkmäler dann erst wieder in den 1960er Jahren.

Jener ersten Phase der Errichtung von Ludwig-II.-Denkmälern ist ein entsprechendes Projekt in Freising zuzuordnen. Im Stadtarchiv hat sich eine Akte mit einer überschaubaren Korrespondenz, einer Planskizze und drei Fotografien, die das Gipsmodell des projektierten Denkmals zeigen, erhalten. Die Initiative zur Errichtung eines Freisinger Ludwig-II.-Denkmals ging demnach vom „Verein zur Erbauung eines Monumentes für Weiland König Ludwig II. in Freising“ aus. Dieser war am 17. September 1904 gegründet worden und hatte bis 1906 einen Mitgliederstand von 192 Personen erreicht. Derartige Vereine waren im Fall der Ludwig-II.-Denkmäler als Initiatoren und Projektträger nicht ungewöhnlich, sondern eher die Norm.

Als Standort für das neue Denkmal kristallisierte sich nach einiger Zeit ein Grundstück heraus, das am unteren Teil der Haindlfinger Straße (seit 1910 „Prinz-Ludwig-Straße“) lag, inmitten des damals sogenannten „Villenviertels“. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schossen hier zahlreiche stattliche Häuser aus dem Boden, die in der Regel vom wohlhabenderen Teil der Stadtbevölkerung bewohnt wurden. Die meisten Grundstücke im Bereich des neuen Stadtviertels und so auch dasjenige, auf dem das Denkmal entstehen sollte (nachmals Anwesen Deutingerstraße 2, nördlich des Finanzamtes), gehörten dem Baumeister und Ziegeleibesitzer Alois Steinecker. Nachdem dieser der vorgesehenen Nutzung seine Zustimmung gegeben hatte, beauftragte der Verein den Freisinger Bildhauer und Steinmetzmeister Josef Franz mit der Fertigung von Gipsmodellen, die eine Vorstellung vom Königsdenkmal geben sollten (siehe Abb.).

Für den Denkmal-Entwurf waren stattliche Ausmaße vorgesehen: Ein mehrere Meter breiter Unterbau aus Muschelkalkstein samt einem vorgelagerten steinernen Podest, darüber die rund 2,5 Meter hohe Figur aus Untersberger Marmor. Der König wurde hier im Ornat des bayerischen St.-Georgs-Ritterorden dargestellt. Vor dem Denkmal sah man die Anlage zweier Rabatten sowie die Bepflanzung mit Hecken und Parkbäumen vor.

Insgesamt hätte die Realisierung gemäß dem Kostenvoranschlag des Bildhauers Franz rund 10.000 Mark gekostet, eine gewaltige Summe für ein Projekt, dessen Finanzierung ausschließlich über Spenden erfolgen sollte (zum Vergleich: Das 1904 bis 1911 errichtete und aufwändig ausgestattete Freisinger Rathaus kostete knapp 220.000 Mark). Letztlich überforderten diese enormen Kosten den Verein. Bis Mai 1907 hatte er über die Hälfte seiner Mitglieder verloren, was der Vorsitzende, Notariatsbuchhalter Isidor Prantl, damit erklärte, dass „durch die nur langsam fortschreitende Ansamlung [sic] von Beiträgen der Endzweck des Vereines sich erst in einer Zeit erreichen ließe, zu welcher die meisten der zahlreichen Mitglieder sich nicht mehr am Leben befinden.“ Im Juli 1907 erklärte man den Verein schließlich für aufgelöst. Die Errichtung eines Freisinger Denkmals für König Ludwig II., mit welchem die Stadt Freising laut dem damaligen Bürgermeister Stephan Bierner ihre „Anhänglichkeit an [ihr] hohes Herrscherhaus“ hätte demonstrieren können, war damit gescheitert.

Autor: Florian Notter
QUELLEN: StadtAFS, Akten II, o. Sign.
WEITERFÜHRENDE LITERATUR: Schulze, Dietmar: Ludwig II. Denkmäler eines Märchenkönigs (Schriftenreihe des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege 2), München 2011.

Februar 2020 - Baulinienplan für die neue Siedlung am Goldberg (1919)

Der Mangel an Wohnraum insbesondere für mittlere und untere Einkommensschichten gehörte am Beginn des 20. Jahrhunderts zu den drängendsten Problemen Freisings. Die Stadtbevölkerung wuchs kontinuierlich: von 12.557 Einwohnern im Jahr 1906 auf 15.374 Einwohner im Jahr 1920 und auf 19.456 Einwohner im Jahr 1939 (inklusive des 1937 eingemeindeten Dorfes Vötting). Die Ursachen für das Wachstum speziell in Freising sind bislang nicht untersucht worden, jedoch ist anzunehmen, dass sich hier vor allem ein (vergleichsweise später) lokaler Industrialisierungsschub bemerkbar machte. Ab 1914 dürfte die innerhalb einiger Betriebe vollzogene Umstellung auf eine kriegsrelevante Produktion den Zuzug zusätzlich verstärkt haben. Fabriken wie Steinecker (gegr. 1875), Feller (gegr. 1906) oder die beiden Schlüter-Fabriken (gegr. 1911 bzw. 1915/17) – um nur die größten zu nennen – beschäftigten gegen Ende des Ersten Weltkriegs einem vorsichtigen Überschlag zufolge etwa 2.500 bis 3.000 Arbeiter (genaue Angaben sind wegen jährlich großer Schwankungen nicht möglich).

Nicht Schritt halten mit dieser dynamischen Entwicklung konnte der Haus- und Wohnungsbau. Zwar haben sich Verantwortliche schon im Lauf des 19. Jahrhunderts vermehrt Gedanken darüber gemacht, wie eine Freisinger Stadterweiterung aussehen könnte, besonders deutlich etwa im Rahmen des „General-Baulinienplans“ von 1875. Mit Ausnahme der Errichtung des „Villenviertels“ nördlich der Kernstadt (für überwiegend höhere Einkommen) gab es jedoch keine nennenswerten Initiativen. Als sich der Wohnraummangel während des Ersten Weltkriegs verschärfte, rückte die Stadtpolitik um Bürgermeister Stephan Bierner das Thema auf der politischen Agenda weit nach oben. So trat die Stadt Freising etwa der im Juli 1917 ins Leben gerufenen „Bayerischen Landessiedlungsgesellschaft“ als Gründungsmitglied bei. Ziel dieser Gesellschaft war der Ankauf und die Weitervermittlung (unter günstigen Konditionen) an Personen mit niedrigerem Einkommen.

Konkrete Pläne, in Freising eine Siedlung für mittlere und untere Einkommen zu errichten, finden sich erstmals im Mai 1918. Schon zu diesem Zeitpunkt war das „dem Staatsgute Weihenstephan gegenüber“ gelegene Areal dafür in Betracht gezogen worden. Als Form der Trägerschaft für die neue Siedlung wurde das genossenschaftliche Modell gewählt: eine gemeinnützige Vereinigung, die mit Hilfe günstiger öffentlicher Kredite für ihre Mitglieder preiswerten Wohnraum schafft. Dafür wurden im Februar 1919 zwei Freisinger Baugenossenschaften gegründet: am 3. Februar 1919 der „Bauverein Freising“ und am 15. Februar 1919 die „Allgemeine Baugenossenschaft“. Im Frühjahr 1919, inmitten der letzten revolutionären Wirren, wurden die Pläne für die Siedlung entworfen. Bevor man an die Baupläne der einzelnen Häuser ging, musste zunächst die Struktur der Siedlung festgelegt werden. Ein Baulinienplan, der vom 10. April 1919 datiert und den Stempel des Freisinger Baugeschäftes Alois Steinecker trägt, zeigt den festgesetzten Straßenverlauf (vgl. Plan-Ausschnitt auf Abb.): unten die heutige Schönmetzlerstraße, rechts die Wippenhauser Straße, dazwischen die teils kurvenreichen neuen Straßen, deren Anlage noch 1919 abgeschlossen war. Sie erhielten die Namen Möhlestraße (neue Straße unten), Mozartstraße (neue lange und gerade Straße oben); Ringstraße (neue stark gekurvte Straße, ab 1946 Ferdinand-Zwack-Straße); Heinestraße (neue kurze Straße links von der Ringstraße). Alle weiteren geplanten Straßen (links außen und oben) wurden nicht realisiert. Nur mit Bleistift skizziert wurde auf dem Plan die Lage der projektierten Siedlungshäuser.

Das südlich des Bauareals, zur Thalhauser Straße hin gelegene Gelände, das bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts bebaut worden war, hieß „Goldberg“, der Straßenname der Schönmetzlerstraße lautete bis 1919 „Am Goldberg“. Dieser markante Name, der um 1850/60 aufgekommen ist und zu dessen Bedeutung es bis jetzt keine ganz einwandfreie Erklärung gibt, erstreckte sich bald auch auf die neue, baugenossenschaftliche Siedlung. Goldberg – so heißt der Stadtteil bis heute.

Autor: Florian Notter
QUELLEN: StadtAFS, Akten zur Allgemeinen Baugenossenschaft Freising, 1919-1941 (o. Sig.); ebd., Zeitungssammlung, Freisinger Tagblatt 1917, 1918, 1919, 1920.

März 2020 - Karikatur zum Freisinger OB-Wahlkampf 1958

Am Sonntag, 23. März 1958, fand in Freising turnusgemäß eine Oberbürgermeisterwahl statt. Nach derjenigen vom 30. März 1952 war dies erst die zweite Wahl, bei der der Oberbürgermeister von der wahlberechtigten Stadtbevölkerung direkt gewählt werden konnte. Vor Inkrafttreten der (bis heute gültigen) Bayerischen Gemeindeordnung im Januar 1952 war das Gemeinde- bzw. Stadtoberhaupt in Bayern ausschließlich vom Gemeinde- bzw. Stadtrat bestimmt worden.

Die Freisinger Oberbürgermeisterwahl von 1958 war darüber hinaus die erste Direktwahl, bei der es mehrere Kandidaten gab. Sechs Jahre zuvor war Amtsinhaber Max Lehner noch der einzige Kandidat gewesen und – wenig überraschend – mit großer Mehrheit wiedergewählt worden. Lehner, der als Rechtsanwalt während der NS-Zeit jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger verteidigt hatte und deshalb schwere persönliche Drangsale über sich ergehen lassen musste, war seit 1948 Oberbürgermeister. Die ersten zehn Jahre seiner Amtszeit waren vorwiegend von den spezifischen Problemen der Nachkriegszeit gekennzeichnet: von Wohnungs- und Versorgungsmangel, von Arbeitslosigkeit und von der Integration der aus den Ostgebieten geflohenen oder vertriebenen Deutschen. Nun, 1958, musste sich Max Lehner, der zeitlebens keiner politischen Partei angehörte, jedoch in aller Regel auf die Unterstützung der CSU und der Bayernpartei zählen konnte, zwei Herausforderern stellen.

Der erste, der seinen Hut in den Ring warf, war Josef Maisch von der Freisinger SPD. Maisch, ein gebürtiger Münchner, unterrichtete Mathematik und Physik am Domgymnasium und an der Oberrealschule (nachmals Josef-Hofmiller-Gymnasium). Als Mitglied des Stadtrats verfügte er über mehrjährige kommunalpolitische Erfahrung.

Ähnlich gut gerüstet gewesen sein dürfte auch der zweite Herausforderer Lehners: Hans Hofmann von der Freisinger FDP. Hofmann, gebürtig aus Niedermirsberg (Oberfranken), war mehrere Jahre lang 2. Bürgermeister und damit (ehrenamtlicher) Stellvertreter des Oberbürgermeisters. Zusammen mit seiner Frau betrieb Hans Hofmann, der in Weihenstephan Landwirtschaft studiert hatte, das seinerzeit sehr bekannte Café Fraunhofer in der Oberen Stadt.

Wie aus der Presseberichterstattung der beiden damaligen Freisinger Lokalzeitungen, dem Freisinger Tagblatt und der (bis 1968 bestehenden) Freisinger Zeitung, hervorgeht, entwickelte sich der OB-Wahlkampf 1958 insgesamt recht lebhaft. Der Amtsinhaber war unerwartet deutlicher Kritik ausgesetzt und sah sich mehrmals gezwungen, zu reagieren. Zuletzt kam es verschiedentlich auch zu unfairen Aktionen, wie es etwa ein im ganzen Stadtgebiet verbreitetes Flugblatt bezeugt, das sich mit schweren persönlichen Anschuldigungen gegen einen der Kandidaten richtete.

In der Wochenendausgabe vom 22./23. März 1958 veröffentlichte die Freisinger Zeitung zur unmittelbar bevorstehenden Wahl eine Karikatur aus der Feder des Karikaturisten Dieter Hanitzsch; ein partiell koloriertes Exemplar hat sich im Stadtarchiv Freising innerhalb einer Sammlung von Zeitungsausschnitten zur Amtszeit Lehners erhalten (vgl. Abb.). Das karikierte Ambiente steht unter dem Motto „Wahl des Mr. Freising“ und zeigt die drei Bewerber auf einer Bühne, wie sie sich vor ihren Wählern in Szene setzen. Unterschiedliche Attribute, die die Kandidaten in Händen halten oder die zu ihren Füßen stehen, stellen in zugespitzter Art und Weise besondere persönlichen Eigenheiten heraus. Links ist Max Lehner als schmächtiger Mann mit übergroßem Kopf dargestellt, der – ausgestattet mit Schreibfedern, Tintenfass und Paragraphenzeichen auf dem Umhängeschild – den schöngeistigen, juristisch versierten, „feinen“ Bildungsbürger verkörpern soll. Bodenständiger ist Herausforderer Hans Hofmann karikiert: Er, der „eisenharte“ Geschäftsmann, sucht den direkten Kontakt zur Wählerschar, der er jovial zuwinkt; der Bierkrug zu seinen Füßen trifft seine Profession als Cafetier jedoch nicht ganz. Scheinbar vergeblich lässt rechts der Kandidat der SPD, der „Rechner“ Josef Maisch, die (nicht vorhandenen) Muskeln spielen; der Abakus in seiner linken Hand karikiert seine Tätigkeit als Mathematiklehrer.

Die Wahl am 23. März 1958 brachte schließlich folgendes Ergebnis: Max Lehner: 48,98 %; Hans Hofmann: 28,4 %; Josef Maisch: 22,6 %. Die Stichwahl am 30. März 1958 entschied Max Lehner mit 57 % für sich (gegen 43 % für Hans Hofmann).

Autor: Florian Notter
QUELLEN: StadtAFS, Akten IV, Gr. 0250 (OB-Wahl 1958); ebd., Gr. 0251 (OB Lehner); ebd., Druckschriftensammlung, Parteien (Wahldruckschriften 1958); ebd., Zeitungssammlung, Freisinger Tagblatt, März 1952 u. 1958, sowie Freisinger Zeitung, März 1958. Besonderer Dank gilt Dieter Hanitzsch, München, der uns die Erlaubnis zur Veröffentlichung der Karikatur gegeben hat, sowie Norbert Zanker, Freising, für Informationen rund um die OB-Wahl 1958.

April 2020 - Begrüßung des neuen Erzbischofes Joseph Ratzinger (1977)

2006 besuchte Papst Benedikt XVI. seine Heimat Bayern. Im Mittelpunkt seiner Reise standen dabei Orte, die für sein bisheriges Leben und Wirken besondere Bedeutung hatten. Dazu gehörten neben Altötting und seinem Geburtsort Marktl am Inn, Regensburg als Ort seiner universitären Lehre und München als Sitz seines früheren Erzbistums, auch die alte Bischofsstadt Freising. Hier hatte Joseph Ratzinger sein Theologiestudium absolviert und seine akademische Laufbahn begonnen. Bei seinem Besuch am 14. September 2006 empfingen die Bürgerinnen und Bürger den Papst, als er auf dem Weg zum Festgottesdienst im Dom durch die Altstadt fuhr.   

Vielleicht fühlte sich Benedikt XVI. bei dieser Fahrt erinnert an den 24. Juni 1977. Dies war der Tag, an dem Joseph Ratzinger Freising das erste Mal als neuer Erzbischof von München und Freising besuchte. Zuvor hatte er bereits mit dem für die Region zuständigen Weihbischof Heinrich von Soden-Fraunhofen andere Gemeinden im Landkreis, wie etwa Neufahrn, besucht. Am Abend wurde er in der alten Domstadt Freising festlich empfangen. Zur Begrüßungsfeier auf dem Marienplatz kamen rund 6.000 Bürgerinnen und Bürger zusammen.

Eine Fotografie aus der Fotosammlung des Stadtarchivs Freising hält dieses Ereignis fest. (vgl. Abb.). Sie zeigt den neuen Erzbischof in Begleitung verschiedener politischer und geistlicher Amtsträger: Oberbürgermeister Adolf Schäfer (links) und Stadtpfarrer Walter Brugger (rechts), in der zweiten Reihe Vizelandrat Gottfried Weiß, Domrektor Michael Höck, und Landrat Ludwig Schrittenloher und in der dritten Reihe der erzbischöfliche Sekretär Erwin Obermeier sowie Weihbischof Heinrich Graf von Soden-Fraunhofen. Gemeinsam schreitet die Gruppen den Marienplatz hinauf, vorbei an dicht gedrängt stehenden Bürgerinnen und Bürgern. Ziel war ein Podest, das vor dem Laubenbräu aufgebaut worden war. Dort hielten Oberbürgermeister Schäfer und Stadtpfarrer Walter Brugger kurze Begrüßungsansprachen. Musikalisch umrahmt wurde die Feier durch Musiker der Chorgemeinschaft St. Georg unter Leitung von Diethart Lehrmann sowie durch Musiker der städtischen Sing- und Musikschule.

Ratzinger selbst ging in einer kurzen Ansprache auf die Bedeutung Freisings als Herz für das Erzbistum ein und würdigte die Stadt als einen Ort, an dem sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft berührten. Die freudige Stimmung, die an jenem Frühsommer-Abend auf dem Marienplatz herrschte, gibt ein Pressebericht der Landkreisausgabe der Süddeutschen Zeitung wieder (27.06.1977, hier ein Auszug): „Beifall brandete auf, als der neue Erzbischof auf den „ungebrochenen Rang der alten Bischofsstadt Freising“ hinwies, die sich heute erneut als „Herz inmitten des Erzbistums“ bestätigt habe. „Freising ist nach wie vor Bischofsstadt, der Dom neben der Liebfrauenkirche in München die Kathedrale der Erzdiözese“. Ratzinger versicherte, er werde alles in seinen Kräften Stehende tun, um die geschichtliche Bedeutung der Bischofsstadt Freising, „dieser Heimstätte des Glaubens und der Kultur“ zu erhalten und zu bewahren. Er erinnerte ferner an die vielen persönlichen Bezugspunkte zu dieser Stadt, in der er als Studierender und Lehrender so viele Jahre zusammen mit seinen Eltern geweilt habe. Er, so versicherte er unter dem Jubel der Zuhörer, fühle sich als Freisinger.“ 

Autor: Matthias Lebegern
QUELLEN: StadtAFS, Altregistratur nach 1945, Nr. 04700244; ebd., Fotosammlung, Nr. 3996; ebd., Zeitungssammlung, Freisinger Süddeutsche Zeitung, 27.06.1977.
LITERATUR:
Benker, Sigmund: Papst Benedikt XVI. und Freising. Die Lebenserinnerungen Joseph Kardinal Ratzingers kommentiert von einem Zeitgenossen, in: Götz, Ulrike (Hg.): 39. Sammelblatt des Historischen Vereins Freising, Freising 2006, S. 11-25.
Hamberger, Joachim (Hg.): Papst Benedikt XVI. in Freising, Freising 2007.

Mai 2020 - Fassadenaufriss zum Stadtbrunnhaus am Wörth (1844)

Wer sich im kleinen Freisinger Stadtteil Wörth auf die Suche nach historischen Gebäuden macht, der wird nicht mehr allzu viele finden. Die wenigen und meist schlecht erhaltenen Häuser aus früheren Jahrhunderten wurden im Zuge der Neubebauung des Wörths in den späten 1980er und 1990er Jahren bis auf wenige Ausnahmen abgebrochen. Ein stadtgeschichtlich ganz besonderes Gebäude hat hier jedoch die Zeiten überdauert: das historische Stadtbrunnhaus, das an beziehungsweise über der Wörthmoosach steht. Als Mittelpunkt eines der vier historischen Wasserversorgungssysteme Freisings versah es etliche (aber bei Weitem nicht alle) Bürgerhäuser mit fließendem Wasser.

Die Wasserversorgungstechnik, wie sie in Europa seit dem Spätmittelalter und besonders während der Frühen Neuzeit in Gebrauch war, basierte auf einer Kombination aus einem wasserradbetriebenen Pumpwerk und einem mehrere Meter in der Höhe befindlichen Wasserspeicher. Das Wasser, das aus einem Tiefbrunnen gepumpt wurde, wurde im Speicher gesammelt; durch das Gefälle des in der Höhe gelegenen Speichers konnte ein ausreichender Druck erzeugt werden, um schließlich ein weitverzweigtes Leitungsnetz mit Wasser zu speisen. Diese Methode lag auch den vier Freisinger Wasserversorgungssystemen zugrunde. Neben dem Versorgungssystem des Stadtbrunnhauses am Wörth, das sich, wie der Name verrät, im Besitz der Stadtkommune befand, gab es noch die beiden fürstbischöflichen Versorgungssysteme mit den Zentren im Hofbrunnhaus an der Brunnhausgasse beziehungsweise im Seminarbrunnhaus an der Brennergasse sowie dasjenige des Domkapitels im Kapitelbrunnhaus am Sondermüllerweg.

Das Leitungssystem, das vom Wasserspeicher des Stadtbrunnhauses wegführte, erstreckte sich entlang der Hauptstraße, bis zum fast einen Kilometer entfernten Ende der Unteren Stadt. Die Leitungen bestanden zunächst aus Holzdeicheln, wurden aber, um dem Frost zu trotzen, nach und nach durch Bleideicheln ersetzt – sicher nicht zum Besten der Gesundheit der Verbraucher. Zu den Hauptabnehmern gehörten die bürgerlichen Brauereien, die das Wasser zum Bierbrauen benötigten. Für die Wasserabgaben mussten der Stadt jährliche Gebühren bezahlt werden.

In den Jahren 1839/40 wurde das Stadtbrunnhaus von Grund auf neu errichtet, da der Vorgängerbau von 1721 baufällig geworden war. Den Auftrag, das Brunnenwerk zu entwerfen, erhielt Sebastian Haindl, Professor für Maschinenkunde und Maschinenzeichnung an der polytechnischen Schule (heutige TUM) in München. Wer der Architekt des Gebäudes war, ist nicht ganz klar. Möglicherweise stammten die Pläne von einem der Ingenieure der königlichen Bauinspektion München II, die zu jener Zeit für Baugenehmigungen unter anderem auch in der Stadt Freising zuständig war.

Im Zusammenhang mit einigen technischen und baulichen Änderungen wurde im Jahr 1844 ein Aufriss gezeichnet, der die südliche, straßenseitige Fassade des Stadtbrunnhauses zeigt (vgl. Abb.). Der später errichtete Vorbau fehlt hier noch, so dass die gesamte Höhe des Brunnhauses gut zur Geltung kommt. Die Architektursprache entspricht dem Klassizismus wie er sich etwa in der Münchner Ludwigstraße findet. Den Fassadenaufriss fertigte Carl Klumpp, Schüler von Friedrich von Gärtner und seit 1843 Bezirksingenieur bei der Bauinspektion München II (als Architekt kommt Klumpp wohl nicht infrage, da er zum Zeitpunkt des Brunnhausbaus 1839/40 in Italien beziehungsweise in Athen auf der Baustelle des griechischen Königsschlosses tätig war). Im Vergleich zum heutigen Bauzustand besitzt das Brunnhaus hier noch eine rustizierte Erdgeschosszone sowie rustizierte Ecklisenen im Bereich des ersten und zweiten Obergeschosses. Die zeittypischen Segmentbogenfenster sind durch spätere Umbauten zum überwiegenden Teil vereinfacht worden. Einzig das Dachgesims mit dem umlaufenden Zinnenfries, der an die Architektur oberitalienischer Wehrbauten erinnert, ist noch weitgehend unverändert erhalten.

1888 verlor das Stadtbrunnhaus am Wörth seine Funktion. Damals wurde in Freising ein modernes, flächendeckendes Wasserversorgungssystem eingerichtet, dessen Zentrum das neue Wasserwerk bei der Veitsmühle war. Das alte Brunnhausgebäude wurde kurz darauf zum Dienstgebäude des städtischen Eichamtes, das für die Kontrolle der Maße und Gewichte zuständig war, umgebaut. Diese Nutzung bestand bis in die 1930er Jahre, danach veräußerte die Stadt das geschichtsträchtige, heute denkmalgeschützte Gebäude.

Autor: Florian Notter
QUELLEN: StadtAFS, Altakten I, Abt. X, Nr. 70, 72; ebd., Fotosammlung.
LITERATUR:
Grammel, Wolfgang: Das städtische Brunnhaus am Wörth in Freising. Ein Beitrag zur Wasserversorgung der Stadt Freising im 19. Jahrhundert, in: Amperland 37 (2001), S. 483-487.
Notter, Florian: Die Brunnhausgasse. Zur Geschichte eines kurzen, aber interessanten Freisinger Straßenzugs, in: Stadtmagazin Fink, 5. Jg., Juli/August 2011, S. 16-17. Notter, Florian: Nahrungsmittelversorgung am fürstbischöflichen Hof in Freising im 18. Jahrhundert (Magisterarbeit, Universität Regensburg), 2007, S. 19-21.

Juni 2020 - Neuigkeitenbuch der Stadtpolizei Freising: Eintrag zum Unfalltod des Schauspielers Ferdinand Marian (1946)

Einen besonders spannenden Einblick in die Geschichte einer Stadt bietet die Auseinandersetzung mit ihrer Kriminalhistorie. Für die Erforschung der Freisinger Polizeiarbeit gibt es eine interessante, bislang wenig beachtete Quelle: die sogenannten Neuigkeitenbücher der (bis 1972 bestehenden) Stadtpolizei. In diesen Diensttagebüchern, die leider nicht mehr durchgehend überliefert sind, wurden die Geschehnisse des laufenden Betriebs in Form kurzer Tätigkeitsberichte festgehalten. Durch die Einträge haben wir Kenntnis einer Vielzahl an Ereignissen, Unfällen und Straftaten, die sich im 20. Jahrhundert in Freising ereignet haben.

So wissen wir beispielsweise auch von einem schweren Verkehrsunfall, der sich
am 9. August 1946 abends auf der Münchner Straße zugetragen hatte. Kurz hinter der südlichen Freisinger Stadtgrenze war, wie es der diensthabende Stadtpolizist Sieber am darauffolgenden Tag ins Neuigkeitenbuch eintrug, ein Wagen von der Straße abgekommen und mit einem Baum kollidiert. Die beiden Beifahrer, der aus Prag stammende Karl Hermann und dessen Verlobte Erna Ladislava, wurden leicht verletzt in das Krankenhaus eingeliefert. Der Fahrer verstarb noch am Unfallort; hierbei handelte es sich um den damals sehr bekannten Schauspieler Ferdinand Marian.

Der gebürtige Österreicher Marian war in den 1920er und 1930er Jahren über das Schauspiel am Theater bekannt geworden und hatte ab 1938 ein festes Engagement am Deutschen Theater in Berlin. Zudem trat er ab 1933 in mehreren Filmen auf, wodurch er in den späteren 1930er Jahren zu einem der beliebtesten deutschen Schauspieler avancierte. Dadurch geriet Marian auch ins Blickfeld der nationalsozialistischen Reichsfilmkammer unter der Führung von Joseph Goebbels, der ihn 1940 für die Hauptrolle in dem antisemitischen NS-Propagandafilm „Jud Süß“ auswählte. In dem Spielfilm von Regisseur Veit Harlan geht es um die historische Figur des Joseph Süß Oppenheimer (1698-1738), einen jüdischen Finanzbeamten am Hof von Herzog Alexander von Württemberg (reg. 1733-1737). In der filmischen Darstellung wird Süß Oppenheimer, entgegen seiner Opferrolle in der historischen Wirklichkeit, als korrupter Beamter und als Lüstling und Vergewaltiger einer Christin verunglimpft. Mit dieser Kunstfigur wurde ein fiktives historisches Schreckbeispiel für antisemitische Vorurteile geschaffen. Nicht zuletzt versuchte man auf diese Weise, die nationalsozialistischen Rassegesetze zu rechtfertigen.

Der Schauspieler Ferdinand Marian befürchtete, von der Reichsfilmkammer nicht mehr besetzt zu werden, weshalb er sich nicht traute, die Rolle abzulehnen. Auch in der Folgezeit trat er in weiteren nationalsozialistischen Propagandafilmen auf, wie etwa in dem antibritischen Film „Ohm Krüger“ über den Burenkrieg im südlichen Afrika. Hierdurch wurde er von Joseph Goebbels weiter gefördert und schließlich auch vor dem Militäreinsatz im Zweiten Weltkrieg bewahrt. Diese Verbindungen in den nationalsozialistischen Propagandaapparat führten nach 1945 dazu, dass er von den Alliierten mit einem lebenslangen Berufsverbot belegt wurde.

Nach dem Krieg lebte Ferdinand Marian seit 1945 in Freising. Als er im darauffolgenden Jahr tödlich verunglückte, kamen Gerüchte auf, dass es sich auf Grund seiner beruflichen Situation um einen Suizid gehandelt haben könnte. Abschließend konnte diese Frage nie geklärt werden. Dagegen sprach vor allem die Tatsache, dass es bereits Bestrebungen gab, Marian wieder als Schauspieler zuzulassen.

Quellen: StadtAFS, B II, Polizeibücher, Neuigkeitenbuch 1944-1946; ebd., Altregistratur nach 1945, Nr. 04700262, Allgemeine Polizeiangelegenheiten.
Literatur: Knilli, Friedrich: Ich war Jud Süß. Die Geschichte des Filmstars Ferdinand Marian. Mit einem Vorwort von Alphons Silbermann, Berlin 2000.

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