Berührend, aufwühlend, nachdenklich machend: Die 94-jährige Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano hat vor etwa 100 Freisinger Schüler*innen am Montagvormittag, 18. November 2019, im Großen Rathaussaal aus ihrem Buch „Erinnerungen“ gelesen. Im Gespräch mit den jungen Leuten appellierte sie leidenschaftlich: „Nie wieder Faschismus und vor allem: Nie wieder Krieg!“

Bereits am Sonntagabend hatte die 94-Jährige – ebenfalls auf Einladung der Stadt Freising in Kooperation mit dem VVN/BdA (Bund der Verfolgten des Naziregimes / Bund der Antifaschisten) – den Lindenkeller besucht: Vor dem Konzert der „Microphone Mafia“ – neben Bejarano selbst ihr Sohn Joram und Musiker Kutlu Yurtseven – las sie vor ausverkauftem Haus aus ihrer Autobiographie „Erinnerungen – vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen rechts“. Am Montag lauschten nun Freisinger Gymnasiast*innen gebannt der zierlichen, engagierten Dame und nutzten nach der 40-minütigen Lesung die Gelegenheit, an eine der letzten Zeitzeuginnen der Verbrechen des Naziregimes Fragen zu stellen. Klar positionierte sich Bejarano bei einer Frage zur AFD: „Das ist eine Katastrophe – der unheimliche Rechtsruck in Deutschland und der ganzen Welt! Damals, 1945, wurde alles verschwiegen. Das darf nicht mehr geschehen – auch Ihr müsst aufstehen“, forderte sie die Jugendlichen auf.

Kampf gegen das Vergessen

Dass Ester Bejarano das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau überlebt hat, verdankt sie dem Akkordeon-Spiel: Sie schaffte es in das Mädchenorchester in dem Vernichtungslager. Ihre Eltern und eine Schwester wurden ermordet, zwei ältere Geschwister überstanden den Holocaust. Die schrecklichen Schilderungen liest sie mit klarer, nüchterner Stimme vor. Es ist mucksmäuschenstill im Saal – fast ehrfürchtig folgen die jungen Leute der unglaublichen Lebensgeschichte. „Haben Sie diese Erlebnisse verarbeitet und wenn ja wie?“, will eine Schülerin wissen. Nein, antwortet Bejarano ernst, das habe sie nie verarbeitet, aber erkannt: „Ich muss etwas tun, damit das nie wieder passiert.“

Nie wieder Krieg

„Esther, es ist deine Pflicht rauszukommen, um später von dem Grauen, das wir hier erleben, zu berichten.“ Dieser Auftrag einer Freundin aus dem KZ prägt noch heute ihr Engagegement und gibt ihr Kraft. Doch: Zunächst kann sie über diese Zeit, in der sie das Schlimmste erleben musste, was Menschen einander antun können, nicht sprechen. Den Anstoß, das Schweigen zu brechen, gibt ein Infostand der NPD. Bejarano war mit Mann und zwei Kindern 1960 nach Deutschland zurückgekehrt und führte in Hamburg eine kleine Boutique. In den 1970-Jahren habe die NPD vor dem Laden für ihr Gedankengut geworben – von der Polizei vor Gegendemonstranten beschützt. Nach dieser „Konfrontation mit den Nazis“ habe sie sich entschlossen: „Ich muss meine Geschichte erzählen, ich muss in die Schulen gehen und die jungen Leute informieren. Ich sage zu Euch: Heute muss man wissen, was damals geschah, damit sich eine solche Situation nie wiederholen kann, nie wieder! Nie wieder Krieg!“

OB ruft die Jugendlichen zur Wachsamkeit auf

Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher zeigte sich von der Geschichte der Holocaust-Überlebenden „beeindruckt und bewegt zugleich“. Als „wirklich bewundernswert“ bezeichnete er es, dass sie in das Land zurückgekehrt sei, das ihr so viel Leid angetan habe, und außerdem die Musik als Mittel gewählt habe, die ihr damals das Leben rettete, um nachfolgende Generationen zu erreichen und ihnen ihre Erfahrungen mitzugeben. Die jungen Zuhörer*innen rief der OB auf, sensibel und aufmerksam zu sein. Die Sprache werde immer verletzender und gewalttätiger, Grenzen zu überschreiten gesellschaftsfähig. „Ihr müsst Euch bewusstmachen, was in Deutschland, Europa und der Welt passiert. Wir sind nicht verantwortlich dafür, was passiert ist, aber verantwortlich, dass es nicht mehr passiert“, redete Eschenbacher den Schüler*innen ins Gewissen.

Wunsch für eine friedliche Zukunft

Ester Bejarano dankte er dafür, dass sie die Strapazen auf sich genommen habe und nach Freising gekommen sei: „Wir sind sehr geehrt.“ Als Erinnerung überreichte er ihr einen Porzellan-Bären und erzählte kurz die Geschichte des Heiligen Korbinian, der den Grundstein für eine europäische Geschichte in Freising gelegt habe, die heute in persönlichen freundschaftlichen Verbindungen zum Ausdruck komme. Dass sich Bejarano ins Goldene Buch der Stadt eintrage, „ist auch eine Ehre für uns“, versicherte der OB. Sie beließ es nicht bei einer Unterschrift, sondern hatte auch hier eine Botschaft: „Es hat mich gefreut, hier sein zu dürfen. Ich wünsche Freising alles Gute für eine friedliche Zukunft.“

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