Archivstück des Monats - Schätze aus dem Stadtarchiv Freising

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Einblick in die Magazinräume
Einblick in die Magazinräume des Stadtarchivs.

Archive gehören wohl zu den unergründlichsten Institutionen, die eine Kulturgesellschaft zu bieten hat. Aufgrund der relativ abstrakten Materie und auch der Tatsache, dass sie über viele Jahrhunderte hinweg den Blicken der Öffentlichkeit entzogen waren, hat sich ein ambivalentes Bild von Archiven herausgebildet: eine Mischung aus fantastischer Wunderkammer und feuchtem Kellergewölbe, dazwischen Archivare und Historiker, die scheinbar aus der Zeit gefallen sind und misstrauisch auf ihren Schätzen sitzen.

Protokoll der Gründungssitzung der Liedertafel Freising.
Protokoll der Gründungssitzung der Liedertafel Freising.

Ein solches Bild ist natürlich falsch. Ein Archiv wie das Freisinger Stadtarchiv ist eine öffentliche Einrichtung und eine Dienstleistungsbehörde, die in zweierlei Hinsicht für Bürgerinnen und Bürger da ist:
Zum einen, weil sie - und das ist die Hauptaufgabe des Stadtarchivs - die kontinuierliche Überlieferung des Stadtgeschehens organisiert ("records management"); alles Wesentliche, das sich in einer bestimmten Zeit im Bereich des Freisinger Stadtgebiets ereignet hat, wird idealerweise Eingang in die Überlieferung des Archivs finden und sich in den dortigen Beständen widerspiegeln. Die Überlieferungsbildung erfolgt nicht zufällig, sondern nach wissenschaftlichen Grundsätzen und detailliert ausgearbeiteten Strategien.
Zum anderen ist das Stadtarchiv für Bürgerinnen und Bürger da, indem es die Zeugnisse vergangenen Geschehens für jede und jeden Interessierte(n) bereitstellt, freilich unter Wahrung von Persönlichkeits- und Datenschutzrechten.

Die enorme Quantität und Vielfalt der einzelnen Zeugnisse machen es, wenn man nicht gerade Mitarbeiter im Stadtarchiv ist, sehr schwer, einen Überblick darüber zu erhalten, was sich im Stadtarchiv alles verbirgt. Um ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen und einen tieferen Einblick in die Bestände des Stadtarchivs zu erhalten, wird hier jeden Monat eine Archivalie präsentiert und beschrieben. Bei Interesse können Ihnen diese Stücke auch auf Anfrage im Original im Stadtarchiv vorgelegt werden.


Januar 2019 - Ehemalige Artilleriekaserne mit Reichsadler-Skulptur (um 1940)

Wer die Mainburger Straße (B 301) stadtauswärts geht oder fährt, bewegt sich auf der Hügelkuppe, kurz vor der Linkskurve, geradewegs auf die Überreste der ehemaligen General-von-Stein-Kaserne zu: das rot leuchtende Stabsgebäude, davor der Rest der charakteristischen Bruchsteinmauer. Wohl nur am Rande nimmt man die kleine Grünfläche wahr, die sich im Kreuzungsbereich Mainburger Straße / General-von-Stein-Straße unauffällig zwischen Gehweg und Kasernenmauer schiebt. Die sonst durchgehend freigestellte Mauer ist in diesem Abschnitt kaum zu sehen, denn seit vielen Jahrzehnten wird sie hier von Sträuchern verdeckt. So, als müsste etwas verborgen werden.

Bildausschnitt einer Postkarte der Freisinger Artilleriekaserne um 1940.
Bildausschnitt einer Postkarte der Freisinger Artilleriekaserne um 1940.

Tatsächlich verbirgt sich etwas hinter den Sträuchern: Ein massiv gemauerter Block, der aus demselben Bruchsteinmaterial wie die Kasernenmauer zusammengesetzt ist. Bei genauerer Betrachtung fällt hier ein im oberen Drittel der Vorderseite eingefügter kreisrunder Stein auf, der erkennbar grobschlächtig behauen ist. auf diesem Stein war ursprünglich ein Hakenkreuz angebracht und auf dem Block, der als Postament fungierte, stand ein steinerner Reichsadler. Auf einer Postkarte aus der Zeit um 1940 sind das Postament und die steinerne Adlerskulptur (trotz mäßiger Druckqualität) zu erkennen (vgl. Abb.). Bei öffentlichen NS-Bauten war die Anbringung entsprechender Symbole, in der Regel im Eingangs- oder Auffahrtsbereich, die Norm; so auch bei der 1936 errichteten Freisinger Artilleriekaserne (später "General-von-Stein-Kaserne"). Auch andernorts finden sich noch heute die Überreste solcher Anlagen, insbesondere im Bereich von NS-Kasernenbauten (z.B. ehem. Ritter-von-Möhl-Kaserne in Amberg; Hochstaufen-Kaserne in Bad Reichenhall; Werdenfelser-Kaserne in Murnau). Teilweise sind diese Anlagen dabei als Mahnmale umfunktioniert, teilweise aber lediglich einer pragmatischen Umdeutung unterzogen worden.

Heutige Ansicht des Torsos der NS-Stele.
Heutige Ansicht des Torsos der NS-Stele.

In einem an den Freisinger Bürgermeister Emil Berg (amt. 1945-1946) gerichteten Schreiben vom 3. August 1945 befahl der damalige Stadtkommandant der U.S.-Armee, Captain Albert G. Snow, die Beseitigung aller auf dem Stadtgebiet befindlichen Namen, Bilder und Skulpturen, die in irgendeiner Weise mit dem Nationalsozialismus in Verbindung standen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürften auch der Adler und das Hakenkreuz vor der Kaserne entfernt worden sein (um ein NS-Symbol handelte es sich genau genommen nur beim Hakenkreuz; im Gegensatz zu anderen NS-Kasernenbauten wurde im Freisinger Fall auch der Adler abgenommen). Relativ leicht beseitigen ließ sich dabei das Hakenkreuz auf dem kreisrunden Stein: Es wurde ausgemeißelt. Über die Demontage und den weiteren Verbleib des Steinadlers war dagegen lange nichts bekannt. Ein Zeitzeuge aus Neustift konnte jedoch unlängst interessante Angaben dazu machen: Zusammen mit anderen Kindern beobachtete er im Sommer 1945, wie amerikanische Soldaten die Adlerskulptur mit einem LKW an den Waldrand bei der Wiesenthalstraße fuhren und in eine dort befindliche Abfallgrube kippten. Schon kurze Zeit später sei die Grube verfüllt worden, wie sich der Zeitzeuge erinnert.

Heute, fast ein dreiviertel Jahrhundert später, besitzt das steinerne Postament vor der ehemaligen Kaserne ohne Zweifel erinnerungskulturelle Bedeutung: Ursprünglich als Teil eines Monuments der nationalsozialistischen Herrschaft errichtet, erinnert es nunmehr - als Fragment - an das Ende der Schreckensherrschaft sowie an die beginnende Besatzungszeit in Freising. Eine dauerhafte Erhaltung des Postaments im Kontext der Kasernenmauer und des dahinterliegenden ehemaligen Stabsgebäudes wäre ein angemessener Umgang mit der Freisinger Zeitgeschichte.

Autor: Florian Notter


Archivstücke der vergangenen Jahre

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- Archivstücke des Jahres 2017

- Archivstücke des Jahres 2018

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