Schätze aus dem Stadtarchiv

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Einblick in die Magazinräume
Einblick in die Magazinräume des Stadtarchivs.

Archive gehören wohl zu den unergründlichsten Institutionen, die eine Kulturgesellschaft zu bieten hat. Aufgrund der relativ abstrakten Materie und auch der Tatsache, dass sie über viele Jahrhunderte hinweg den Blicken der Öffentlichkeit entzogen waren, hat sich ein ambivalentes Bild von Archiven herausgebildet: eine Mischung aus fantastischer Wunderkammer und feuchtem Kellergewölbe, dazwischen Archivare und Historiker, die scheinbar aus der Zeit gefallen sind und misstrauisch auf ihren Schätzen sitzen.

Protokoll der Gründungssitzung der Liedertafel Freising.
Protokoll der Gründungssitzung der Liedertafel Freising.

Ein solches Bild ist natürlich falsch. Ein Archiv wie das Freisinger Stadtarchiv ist eine öffentliche Einrichtung und eine Dienstleistungsbehörde, die in zweierlei Hinsicht für Bürgerinnen und Bürger da ist:
Zum einen, weil sie - und das ist die Hauptaufgabe des Stadtarchivs - die kontinuierliche Überlieferung des Stadtgeschehens organisiert ("records management"); alles Wesentliche, das sich in einer bestimmten Zeit im Bereich des Freisinger Stadtgebiets ereignet hat, wird idealerweise Eingang in die Überlieferung des Archivs finden und sich in den dortigen Beständen widerspiegeln. Die Überlieferungsbildung erfolgt nicht zufällig, sondern nach wissenschaftlichen Grundsätzen und detailliert ausgearbeiteten Strategien.
Zum anderen ist das Stadtarchiv für Bürgerinnen und Bürger da, indem es die Zeugnisse vergangenen Geschehens für jede und jeden Interessierte(n) bereitstellt, freilich unter Wahrung von Persönlichkeits- und Datenschutzrechten.

Die enorme Quantität und Vielfalt der einzelnen Zeugnisse machen es, wenn man nicht gerade Mitarbeiter im Stadtarchiv ist, sehr schwer, einen Überblick darüber zu erhalten, was sich im Stadtarchiv alles verbirgt. Um ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen und einen tieferen Einblick in die Bestände des Stadtarchivs zu erhalten, wird hier jeden Monat eine Archivalie präsentiert und beschrieben. Bei Interesse können Ihnen diese Stücke auch auf Anfrage im Original im Stadtarchiv vorgelegt werden.


Mai 2019 - Freisinger Schmetterlinge aus Josef Adams "Heimatkunde" (1922)

Abb. 1: Brauner Bär (Arctia caja), Aquarell von Josef Adam, 1922.
Abb. 1: Brauner Bär (Arctia caja), Aquarell von Josef Adam, 1922.

Nach seiner Ausbildung am Freisinger Schullehrerseminar stand der junge Volksschullehrer Josef Adam plötzlich ohne Arbeit da. Zu Beginn der 1920er Jahre, in Zeiten politischer und wirtschaftlicher Krisen, war das keine Seltenheit. Der Junglehrer ließ jedoch nichts unversucht: Um bei Bewerbungen etwas von seinem Wissen und seinen Fähigkeiten zeigen zu können und um damit größere Chancen auf eine Arbeitsstelle zu  erhalten, fertigte Josef Adam eine umfangreiche Handschrift an, der er den knappen Titel "Freising-Heimatkunde" gab; 1922 war diese im Wesentlichen fertiggestellt. Mit der Handschrift sollten die Möglichkeiten des heimatkundlichen Unterrichts exemplarisch dargestellt werden. Auf 166 Seiten gestochen schöner Handschrift bildete Adam gewissermaßen den gesamten kleinen Freisinger "Kosmos" ab: In überaus lebendiger Sprache erzählte er von der der Freisinger Geschichte, von historischen Bauwerken, von der örtlichen Flora und Fauna, von besonderen Kunstwerken, aber auch vom Gesellschaftsleben und vom Brauchtum in Stadt und Umland. Immer wieder fließen eigene Lebenserinnerungen mit ein, was Erzählungen anschaulicher macht. Von besonderem Wert sind die den Texten beigefügten und von Adam selbst gefertigten kleinformartigen Aquarelle, 93 an der Zahl.

Abb. 2: Totenkopf (Sphingidae atropos), Aquarell von Josef Adam, 1922.
Abb. 2: Totenkopf (Sphingidae atropos), Aquarell von Josef Adam, 1922.

Im Abschnitt über die Freisinger Tierwelt geht der Junglehrer kurz auf einige lokale Schmetterlingsarten ein. Fünf davon hat er aquarelliert (vgl. Abb.). Bevor wir Josef Adam mit diesem kleinen ausschnitt aus seiner Heimatkunde selbst zu Wort kommen lassen, sein noch erwähnt, dass er nach einiger Zeit eine Anstellung finden konnte und viele Jahrzehnte später seine Berufskarriere als Schuldirektor in Moosburg beendete.

Abb. 3: Großer Schillerfalter/Blauschiller (Apatura iris), Aquarell von Josef Adam, 1922.
Abb. 3: Großer Schillerfalter/Blauschiller (Apatura iris), Aquarell von Josef Adam, 1922.

"Bereits im 6. Schuljahr (1907) legte ich den Grund zu einer Schmetterlingssammlung unter der Leitung meines Onkels. Früh morgens, besonders im Mai und Juni, suchte ich unter den elektrischen Bogenlampen und Gaslaternen nach Nachschwärmern, wobei es mir oft glückte, eine reiche und auch seltene Beute heimzubringen.
Man sagt nämlich, die Schmetterlinge würden, kommen sie dem Licht zunahe, betäubt, können nicht mehr fliegen, und fallen zu Boden. Es ist das jedoch nur eine Annahme. Bei mir jedoch hat sie sich bestätigt gefunden.

Abb. 4: Roter Schillerfalter (Rotschiller, A[patura] ilia var[ians] clytie), Aquarell von Josef Adam, 1922.
Abb. 4: Roter Schillerfalter (Rotschiller, A[patura] ilia var[ians] clytie), Aquarell von Josef Adam, 1922.

Auf dem Boden, an den Wänden, oder Fensterläden der Häuser konnte ich die schönsten Exemplare mühelos ernten. So z.B. hätte ich den Braunen Bären (Arctia caja) [Abb. 01] zu Dutzenden von Stücken nach Hause bringen können. Seit 5 Jahren aber wird dieser Spinner immer seltener. Das gleiche gilt von unseren beiden schönsten und größten Schwärmern, dem Totenkopf (Sphingidae Atropos) [Abb. 02] und dem Oleanderschwärmer (sphingidae nerii). Beide sind Seltenheiten unserer heimatlichen Schmetterlingswelt geworden und am "Aussterben".

Abb. 5: Ligusterfalter (Sphinx ligustri), Aquarell von Josef Adam, 1922.
Abb. 5: Ligusterfalter (Sphinx ligustri), Aquarell von Josef Adam, 1922.

Doch schaue ich zurück, so weiß ich noch wie im Jahre 1909 Kartoffelklauberinnen ca. 50 Puppen des Totenkopfes für 10 d [Pfennig] das Stück vor der Präparandenschule [in der Haydstraße] verkauften. (die Raupe des Totenkopfes lebt ja auf Kartoffelkraut und verpuppt sich unter der Erde.) Ein Zeichen, daß dieser Schwärmer früher bei uns nicht selten war.
Auch aus der Familie der Edelfalter (Gattung Apatura) sind zwei Schmetterlinge zu nennen, die ich früher in den Isarauen häufig sah, während sie jetzt nur mehr selten zu finden sind, und das wären 1. der Große Schillerfalter, Blauschiller genannt (Apatura Iris) [Abb. 03], 2. der Rote Schillerfalter (Rotschiller, A[patura] ilia var[ians] clytie) [Abb.04].

Bei uns ausgestorben, und in einer Sammlung sich selten befindender Schmetterling der Gattung Limenitis ist der Große Eisvogel. (Limenitis populi.)
Dagegen tritt in unserer Gegend recht zahlreich der Ligusterschwärmer (Sphinx ligustri) [Abb. 05] auf. Seine Raupe lebt hier ausschließlich auf jungen Eschen und ich könnte manchen Schmetterlingssammler hier in Freising (fast in der Stadt) einen Platz nennen, wo jene alle Jahre im Juni-Juli und September-Oktober in vielen Exemplaren zu finden wäre[n]."

Autor: Florian Notter
Quelle: Stadt AFS, Handschriftensammlung.


April 2019 - Textheft zur Aufführung von Carl Heinrich Grauns "Der Tod Jesu" im Freisinger Dom (1782)

In der Sammlung historischer Druckschriften im Stadtarchiv Freising befindet sich ein äußerlich unscheinbares, kleinformatiges Heft, das sich aus fünf Blatt von 16,3 auf 10,5 Zentimeter zusammensetzt. Es stammt aus der Werkstatt des fürstbischöflichen Hofbuchdruckers Franz Singer. Wie dem Titelblatt zu entnehmen ist, handelt es sich dabei um ein Textheft, das anlässlich einer Freisinger Aufführung von Carl Heinrich Grauns Passionsoratorium "Der Tod Jesu" im Jahr 1782 gedruckt wurde. Sämtliche Rezitativ-, Arien-, Chor- und Choraltexte des Werks sind darin enthalten.

Deckblatt des Textheftes zur Aufführung von Carl Heinrich Grauns "Der Tod Jesu" im Freisinger Dom aus dem Jahr 1782.
Deckblatt des Textheftes zur Aufführung von Carl Heinrich Grauns "Der Tod Jesu" im Freisinger Dom aus dem Jahr 1782.

Zu hören war das Passionsoratorium am Karfreitag, den 29. März 1782, um 19 Uhr im Freisinger Dom - und zwar, wie auf dem Titelblatt erwähnt wird, im Bereich des Heiligen Grabes, einer während der Karwoche aufgestellten Nachbildung der Grablege Jesu Christi. Ausführende Musiker waren die Sänger und Instrumentalisten der fürstbischöflichen Hofkapelle. Die musikalische Leitung lag vermutlich in Händen des Vizekapellmeisters Wilhelm Joseph von Pauli. Hofkapellmeister Placidus von Camerloher war zu diesem Zeitpunkt bereits erkrankt und starb nur wenige Monate später, im Juli 1782. Trotz des entsprechenden zeitlichen und räumlichen Kontextes handelte es sich bei der Aufführung freilich nicht um ein Element der Karfreitagsliturgie, sondern um ein außerliturgisches, konzertantes Ereignis.

Die Freisinger Aufführung des Passionsoratoriums "Der Tod Jesu" im Jahr 1782 ist insofern bemerkenswert, als es sich dabei um ein Werk handelt, das in einem explizit protestantischen Umfeld entstanden ist. Den Text hatte der preußische Dichter und nachmalige Berliner Schauspieldirektor Karl Wilhelm Ramler (1725-1798) geschaffen, die Musik der königlich-preußische Kapellmeister am Hof Friedrichs des Großen, Carl Heinrich Graun (1704-1759). Uraufgeführt worden war es 1755 in Berlin. Das wegen seiner Klarheit und schlichten Eindringlichkeit bald sehr populäre Werk erreichte nach einigen Jahren auch katholische Regionen - die Prozesse der Aufklärung hatten die zweieinhalb Jahrhunderte bestehenden konfessionellen Gegensätze inzwischen so stark abgemildert, dass zumindest punktuell möglich wurde, was wenige Jahrzehnte zuvor, in den 1720er oder 1730er Jahren, noch undenkbar gewesen ist: protestantische Kirchenmusik in einer katholischen Kirche. Eine frühe Aufführung des Passionsoratoriums in katholischem Umfeld ist beispielsweise 1765 für Köln belegt, die (ebenso katholische) kaiserliche Residenzstadt Wien hörte das Passionsoratorium dann erstmals 1787. Die Aufführung im Freisinger Dom lag da bereits fünf Jahre zurück.

Autor: Florian Notter
Quellen: StadtAFS, Druckschriftensammlung.
Weiterführende Literatur:
Lölkes, Herbert: Ramlers "Der Tod Jesu" in den Vertonungen von Graun und Telemann. Kontext, Werkgestalt, Rezeption (Marburger Beiträge zur Musikwissenschaft 8). Kassel; u.a. 1999. S. 105-123.
Pfeiffer, Harald: Einführung in Carl Heinrich Grauns Passionskantate "Der Tod Jesu" auf dem Webauftritt der Heidelberger Studentenkantorei. In:
http://www.studentenkantorei.de/graunkpl.htm (zuletzt aufgerufen am 11.03.2019).

März 2019 - Fotopostkarte: Ausrufung der Räterepublik in Freising (1919)

Die Revolution von 1918/19 in Bayern dauerte nur wenige Monate, alles in allem ein halbes Jahr. Trotz der vergleichsweise kurzen Zeitspanne gestaltet sich der Zugriff auf diese historische Phase bis heute nicht leicht, denn die Ereignisse sind von einer enormen Dichte und Vielschichtigkeit – und damit außerordentlich komplex. Mittelpunkt des Umsturzes war stets die Landeshauptstadt, doch griffen die dortigen Entwicklungen weit aus und erreichten viele bayerische Städte und Gemeinden, darunter auch Freising.


Fotopostkarte des Fotografen Josef Hofmann
Fotopostkarte des Fotografen Josef Hofmann

Ihren Anfang nahmen die revolutionären Ereignisse am 7. November 1918 in München: Im Rahmen einer Friedenskundgebung auf der Theresienwiese, die von den Freien Gewerkschaften, der SPD und der USPD initiiert wurde, gelang es Teilen letzterer Partei, die in den Münchner Kasernen stationierten Soldaten für einen politischen Umsturz zu gewinnen (die sozialistische USPD, die „Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands“, war erst 1917 als Abspaltung der SPD neu gegründet worden). Noch am selben Tag konnten die Revolutionäre die wichtigsten infrastrukturellen Einrichtungen Münchens unter ihre Kontrolle bringen und bildeten – nach sozialistischem Vorbild – einen Arbeiter- und Soldatenrat (diesem Beispiel sollten in den darauffolgenden Tagen zahlreiche bayerische Städte folgen, so auch Freising, wo am Abend des 8. November ebenfalls ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet wurde). Nennenswerten Widerstand dagegen gab es nirgendwo, wohl nicht zuletzt aufgrund der allgemeinen Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung. In der Nacht auf den 8. November proklamierte der Münchner USPD-Führer Kurt Eisner den „Freistaat Bayern“. Bis zur Abhaltung von Landtagswahlen, die eine legitime Grundlage für Parlament und Regierung schaffen sollten, wurde mit dem „Provisorischen Nationalrat“ eine Art Interimsparlament eingerichtet. Diesem Gremium gehörten Mitglieder verschiedener bisheriger Landtagsfraktionen sowie Vertreter der neu gegründeten Arbeiter- Soldaten- und Bauernräte an. Der „Provisorische Nationalrat“ bestätigte die zwischen SPD und USPD vereinbarte provisorische Regierung unter der Führung von Ministerpräsident Eisner, konnte sich aber in den folgenden Wochen nicht gegen die Machtfülle der Regierung behaupten und verlor an Bedeutung. Ebenso allgemein gehalten und im Wesentlichen auf die lokale Ebene begrenzt blieben die Kompetenzen der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte – auch wenn sie von der Regierung als „Grundlage des neuen Regierungssystems“ bezeichnet wurden. Die ersten demokratischen Landtagswahlen am 12. Januar 1919 brachten für den Ministerpräsidenten und seine USPD ein niederschmetterndes Ergebnis: Lediglich 2,5 Prozent der Stimmen konnten sie auf sich vereinen. Seinen durch das Wahlergebnis letztlich unvermeidlichen Rücktritt vom Amt des Ministerpräsidenten konnte Eisner nicht mehr verlesen. Auf dem Weg zur entscheidenden Landtagssitzung wurde er am 21. Februar 1919 vom Studenten Anton Graf von Arco auf Valley erschossen.

Nach Eisners Tod begann eine neue Phase der Revolution. Schon nach den Landtagswahlen hatten sowohl im linken, sozialistischen als nach und nach auch im rechten, überwiegend monarchistisch geprägten Lager die radikalen Kräfte an Bedeutung gewonnen. Jetzt, Ende Februar und den März über, spitzte sich die Lage weiter zu. Bereits am Tag nach Eisners Ermordung wurde mit dem „Zentralrat der Republik Bayern“ ein zentrales sozialistisches Rätegremium geschaffen. Auf dem zwischen 25. Februar und 8. März 1919 stattfindenden „Kongress der bayerischen Räte“ konnten sich die Anhänger einer Ausrufung der „sozialistischen Räterepublik“ allerdings nicht durchsetzen – ein entsprechender Antrag wurde mit 234 zu 70 Stimmen abgelehnt. Stattdessen einigte man sich in langwierigen Verhandlungen mit der SPD, die bei den Landtagswahlen mit 33 Prozent ein starkes Ergebnis erhalten hatte und an einer parlamentarischen Regierungsform festhielt, auf die Bildung einer neuen Regierung unter der Führung von Johannes Hoffmann (SPD). Am 17. März 1919 wurde dieser vom Landtag zum neuen Ministerpräsidenten gewählt.

Die letzte, mitunter stark radikalisierte und blutige Phase der Revolution begann am 7. April 1919, als in München die „Baierische Räterepublik“ ausgerufen wurde. Die Regierung Hoffmann hatte es in den vergangenen Wochen nicht vermocht, den Anhängern einer Räterepublik und ihrer Forderung nach Sozialisierungsmaßnahmen zu begegnen. Sie floh nach Bamberg. Die Forderung, die parlamentarische Demokratie durch ein Rätesystem nach sowjetischem Vorbild zu ersetzen, wurde unter den Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräten im Land zunehmend populärer. Wiederum folgten zahlreiche Städte dem Münchner Vorbild. Während die „Baierische Räterepublik“ in den meisten bayerischen Städten jedoch nur eine kurze Episode von wenigen Tagen geblieben ist, kam es besonders in München zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Mit großer Brutalität bereiteten Reichswehrverbände und Freikorps der Räterepublik am 1. und 2. Mai 1919 auch dort ein Ende.

Einen Eindruck, wie sich die revolutionären Ereignisse von 1918/19 in Freising darstellten, vermittelt uns eine Fotopostkarte des Fotografen Josef Hofmann (1884-1955) (vgl. Abb.). Hier ist der Beginn der letzten Revolutionsphase, die Ausrufung der „Baierischen Räterepublik“, festgehalten. Die Karte zeigt mehrere hundert Menschen, die sich am Nachmittag des 7. April 1919 im Hof der Jägerkaserne (spätere „Vimy-Kaserne“) versammelten und der Räterepublik ihre Loyalität bekundeten. Die Redner, darunter der Freisinger SPD-Führer Ferdinand Zwack, standen vor den heutigen Anwesen Major-Braun-Weg 6, 8 und 10. In den letzten Apriltagen 1919, unter dem Eindruck der herannahenden Regierungstruppen, sagten sich auch die Freisinger Anhänger von der Räterepublik los – was im Gegensatz zu München weitgehend friedlich und unblutig geschah.

Autor: Florian Notter
QUELLEN: StadtAFS, NL Franz Bichler, Postkarten-Selekt. 
WEITERFÜHRENDE LITERATUR: Grau, Bernhard: Revolution 1918/19, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Revolution,_1918/1919 (19.02.2019)  •  Hürten, Heinz: Revolution und Zeit der Weimarer Republik, in: Schmid, Alois (Hg.): Handbuch der bayerischen Geschichte IV/1, München 22003, S. 439-498, hier bes. 440-464  •  Lehrmann, Florian: Freising 1918/19. Die Stadt in den Monaten nach Novemberrevolution und Kriegsende, in: Götz, Ulrike (Hg.): 44. Sammelblatt des Historischen Vereins Freising, Freising 2018, S. 51-94.


Februar 2019 - Ein Handwerksbrief der Freisinger Schuhmacherzunft (1773)

Freising war eines von vielen Etappenzielen auf der weitläufigen Route des 22-jährigen Schuhmachergesellen Joseph Schaffstaller. Er erreichte die Stadt im Winter, zu Beginn des Jahres 1773. Einen längeren Aufenthalt plante er hier nicht. Denn Schaffstaller befand sich auf seiner Gesellenwanderschaft ("auf der Walz"). Für einen Gesellen wie ihn, der seine Lehre innerhalb einer Zunft durchlaufen hatte, waren die anschließende Wanderschaft und die Tätigkeit in möglichst vielen Handwerksbetrieben unterschiedlicher Regionen ein unverzichtbarer Teil des Ausbildungswegs. Für die Zulassung zur Fertigung des Meisterstücks wurde eine erfolgreiche Gesellenwanderschaft in der Regel sogar vorausgesetzt.

Handwerksbrief für den Schuhmachergesellen Joseph Schaffstaller aus dem Jahr 1773.
Handwerksbrief für den Schuhmachergesellen Joseph Schaffstaller aus dem Jahr 1773.

In Freising angekommen dürfte sich Joseph Schaffstaller zunächst bei einem Meister seiner Profession, also bei einem Schuhmachermeister, gemeldet haben. Da die Aufnahme von Wandergesellen eine Angelegenheit der jeweiligen Zunft war, ist zu  vermuten, dass die Zuteilung einvernehmlich durch alle Mitglieder der Freisinger Schuhmacherzunft erfolgte. Die Schuhmacherzunft war eine von rund 20 Handwerkszünften der Stadt. Schaffstaller wurde dem Schuhmachermeister Caspar Raspiller zugewiesen, der seine Werkstatt im Eckhaus Brennergasse/Fischergasse, vis-á-vis des Gefängnisses, betrieb. Wahrscheinlich wohnte der Wandergeselle dort auch.

Bereits nach zwei Wochen nahm Joseph Schaffstaller seinen Abschied aus Freising, um weiterzuziehen. Damit er die Tätigkeit später nachweisen konnte, wurde ihm von der Schuhmacherzunft ein Dokument ausgehändigt, das vom 3. Februar 1773 datiert und neben einem Textformular einige handschriftliche Eintragungen zu seiner Person enthielt. Außerdem wurde es von den beiden Oberführern und den beiden Unterführern der Zunft sowie von Caspar Raspiller, seinem Freisinger Meister, unterzeichnet (vgl. Abbildung).

Transkription des Handwerksbriefes.
Transkription des Handwerksbriefes.

Derartige Dokumente werden allgemein als "Handwerksbriefe" oder auch als "Handwerksurkundschaften" bezeichnet. Sie beziehen sich ausschließlich auf die Betätigung einer Tätigkeit während der Gesellenwanderschaft und sind damit etwa vom Lehr- oder Gesellenbrief, der den erfolgreichen Abschluss der Lehrzeit attestiert, zu unterscheiden. Eine stärkere Formalisierung erhielten Handwerksbriefe mit der 1731 von Kaiser Karl VI. erlassenen Reichshandwerksordnung, die für das Handwerk in allen Territorien des Alten Reichs einheitliche Standards erbringen sollte. Der Typus jener formalisierten Handwerksbriefe fand in der Folgezeit tatsächlich eine starke Verbreitung. Ab etwa 1770 setzte sich nach eine besonders aufwändige Form durch, die neben dem Textformular auch Bildmotive, zumeist Ansichten der jeweiligen Stadt, enthielten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Handwerksbrief von der praktikableren Form des Handwerksbuches abgelöst.

Aktuell sind elf historische Freisinger Handwerksbriefe bekannt, darunter zwei, die in Freising selbst verwahrt werden: Der hier gezeigte aus dem Stadtarchiv (Schuhmacher-Zunft, 1773, ohne Stadtansicht) und ein weiterer in den Beständen des Historischen Vereins (Lein- und Zeugweber-Zunft, 1803, mit Stadtansicht).

Autor: Florian Notter
Quellen: StadtAFS, Zunftunterlagen, Handwerksbrief 1773; ebd., Häuserkartei (Franz Bichler), Anwesen Fischergasse 1.
Literatur:
Götz, Ulrike: Ein Ersamb Loblich Handtwerch... Die Zunftaltertümer im Museum des Historischen Vereins Freising, in: Glaser Hubert: Freising als Bürgerstadt (35. Sammelblatt des Historischen Vereins Freising), 1996, S. 107-231.
Leutner, Robert: Stadtfinanzen und Bürgervermögen, Schichtung und Brotwerwerb in der geistlichen Residenzstadt Freising um 1600, in: Glaser, Hubert: Freising als Bürgerstadt (35. Sammelblatt des Historischen Vereins Freising), 1996, S. 29-105.
Sczesny, Anke: Zünfte, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: (12.01.2019>http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Zünfte>(12.01.2019).


Januar 2019 - Ehemalige Artilleriekaserne mit Reichsadler-Skulptur (um 1940)

Wer die Mainburger Straße (B 301) stadtauswärts geht oder fährt, bewegt sich auf der Hügelkuppe, kurz vor der Linkskurve, geradewegs auf die Überreste der ehemaligen General-von-Stein-Kaserne zu: das rot leuchtende Stabsgebäude, davor der Rest der charakteristischen Bruchsteinmauer. Wohl nur am Rande nimmt man die kleine Grünfläche wahr, die sich im Kreuzungsbereich Mainburger Straße / General-von-Stein-Straße unauffällig zwischen Gehweg und Kasernenmauer schiebt. Die sonst durchgehend freigestellte Mauer ist in diesem Abschnitt kaum zu sehen, denn seit vielen Jahrzehnten wird sie hier von Sträuchern verdeckt. So, als müsste etwas verborgen werden.

Bildausschnitt einer Postkarte der Freisinger Artilleriekaserne um 1940.
Bildausschnitt einer Postkarte der Freisinger Artilleriekaserne um 1940.

Tatsächlich verbirgt sich etwas hinter den Sträuchern: Ein massiv gemauerter Block, der aus demselben Bruchsteinmaterial wie die Kasernenmauer zusammengesetzt ist. Bei genauerer Betrachtung fällt hier ein im oberen Drittel der Vorderseite eingefügter kreisrunder Stein auf, der erkennbar grobschlächtig behauen ist. auf diesem Stein war ursprünglich ein Hakenkreuz angebracht und auf dem Block, der als Postament fungierte, stand ein steinerner Reichsadler. Auf einer Postkarte aus der Zeit um 1940 sind das Postament und die steinerne Adlerskulptur (trotz mäßiger Druckqualität) zu erkennen (vgl. Abb.). Bei öffentlichen NS-Bauten war die Anbringung entsprechender Symbole, in der Regel im Eingangs- oder Auffahrtsbereich, die Norm; so auch bei der 1936 errichteten Freisinger Artilleriekaserne (später "General-von-Stein-Kaserne"). Auch andernorts finden sich noch heute die Überreste solcher Anlagen, insbesondere im Bereich von NS-Kasernenbauten (z.B. ehem. Ritter-von-Möhl-Kaserne in Amberg; Hochstaufen-Kaserne in Bad Reichenhall; Werdenfelser-Kaserne in Murnau). Teilweise sind diese Anlagen dabei als Mahnmale umfunktioniert, teilweise aber lediglich einer pragmatischen Umdeutung unterzogen worden.

Heutige Ansicht des Torsos der NS-Stele.
Heutige Ansicht des Torsos der NS-Stele.

In einem an den Freisinger Bürgermeister Emil Berg (amt. 1945-1946) gerichteten Schreiben vom 3. August 1945 befahl der damalige Stadtkommandant der U.S.-Armee, Captain Albert G. Snow, die Beseitigung aller auf dem Stadtgebiet befindlichen Namen, Bilder und Skulpturen, die in irgendeiner Weise mit dem Nationalsozialismus in Verbindung standen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürften auch der Adler und das Hakenkreuz vor der Kaserne entfernt worden sein (um ein NS-Symbol handelte es sich genau genommen nur beim Hakenkreuz; im Gegensatz zu anderen NS-Kasernenbauten wurde im Freisinger Fall auch der Adler abgenommen). Relativ leicht beseitigen ließ sich dabei das Hakenkreuz auf dem kreisrunden Stein: Es wurde ausgemeißelt. Über die Demontage und den weiteren Verbleib des Steinadlers war dagegen lange nichts bekannt. Ein Zeitzeuge aus Neustift konnte jedoch unlängst interessante Angaben dazu machen: Zusammen mit anderen Kindern beobachtete er im Sommer 1945, wie amerikanische Soldaten die Adlerskulptur mit einem LKW an den Waldrand bei der Wiesenthalstraße fuhren und in eine dort befindliche Abfallgrube kippten. Schon kurze Zeit später sei die Grube verfüllt worden, wie sich der Zeitzeuge erinnert.

Heute, fast ein dreiviertel Jahrhundert später, besitzt das steinerne Postament vor der ehemaligen Kaserne ohne Zweifel erinnerungskulturelle Bedeutung: Ursprünglich als Teil eines Monuments der nationalsozialistischen Herrschaft errichtet, erinnert es nunmehr - als Fragment - an das Ende der Schreckensherrschaft sowie an die beginnende Besatzungszeit in Freising. Eine dauerhafte Erhaltung des Postaments im Kontext der Kasernenmauer und des dahinterliegenden ehemaligen Stabsgebäudes wäre ein angemessener Umgang mit der Freisinger Zeitgeschichte.

Autor: Florian Notter


Archivstücke der vergangenen Jahre

Hier finden Sie die "Archivstücke des Monats" aus den vergangenen Jahren:

- Archivstücke des Jahres 2017

- Archivstücke des Jahres 2018

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