03.06.2019

Jetzt online: Das „Archivstück des Monats“ für Juni 2019

Verwaltungsinterner Bericht über die Gründung der Freisinger SPD (1894)

Auf dem Bild zu sehen ist ein verwaltungsinterner Bericht über die Gründung der Freisinger SPD vor 125 Jahren.
Das „Archivstück des Monats“ ist die erste Seite eines verwaltungsinternen Berichts über die Gründung der Freisinger SPD vor 125 Jahren.
Das Foto zeigt eine Ansicht des ehemaligen Gasthauses zum Steindl.
Ansicht des „Gasthauses zum Steindl“ oder „Kerscherwirt“ zwischen der Vöttinger und der Thalhauser Straße gelegen, dem Gründungsort der SPD. (Fotos: Stadtarchiv Freising)

In der kleinen, spannenden Reihe „Archivstück des Monats – Schätze aus dem Stadtarchiv“ werden echte Raritäten aus Freisings facettenreicher Geschichte präsentiert. Im monatlichen Wechsel wird jeweils ein einzelnes Archivstück vorgestellt und beschrieben. Die tiefe Bedeutung des „Archivstück des Monats“ erschließt sich aus fundierten Erläuterungen von Florian Notter, Leiter des Stadtarchivs, und Matthias Lebegern, stv. Leiter des Stadtarchivs: Im Juni geht es um einen „Verwaltungsinternen Bericht über die Gründung der Freisinger SPD (1894)“:

Florian Notter zum Exponat: Vor 125 Jahren, am 11. Februar 1894, wurde die Freisinger SPD gegründet – damals unter der Bezeichnung „Sozialdemokratischer Wahlverein“. Gründungsort war der Kerscherwirt (auch „Gasthaus zum Steindl“), im Zwickel zwischen der Vöttinger und der Thalhauser Straße gelegen (vgl. Abb.). Wie der zeitgenössischen Presseberichterstattung des Freisinger Tagblatts zu entnehmen ist, interessierte sich für die Gründungsversammlung eine überaus große Zahl an Personen; nur etwa ein Viertel konnte einen Platz im Inneren der Wirtschaft finden. Wesentlicher Grund für den Andrang dürfte der Auftritt des Hauptredners Georg von Vollmar gewesen sein. Der populäre Sozialdemokrat war Abgeordneter im Bayerischen Landtag, zugleich Reichstagsabgeordneter in Berlin und Vorsitzender der bayerischen SPD. Initiiert und organisiert hatte die Gründungsversammlung allem Anschein nach der Zinngießergehilfe Ludwig Klingseisen. Über ihn ist derzeit nur bekannt, dass er unmittelbar nach der Gründungsveranstaltung von seinem Arbeitgeber „wegen seines sozialdemokratischen Bekenntnisses“, wie es in städtischen Unterlagen heißt, entlassen wurde und Freising daraufhin den Rücken kehrte, um anderswo Arbeit zu finden.

Die Gründung der Freisinger SPD 1894 ist vor dem Hintergrund des Wiedererstarkens der deutschen Sozialdemokratie in den 1890er Jahren zu sehen. Bismarcks „Sozialistengesetz“, das ab 1878 die politische Arbeit der Sozialdemokraten auf vielen Feldern illegalisierte und ihre Wirkungsmacht einschränkte, wurde 1890 vom Reichstag nicht verlängert. Die Abhaltung von Versammlungen, die Gründung von lokalen Vereinen oder die Publikation von politischen Schriften wurden für die Sozialdemokraten nun wieder möglich. Dass man ihnen regierungs- und behördlicherseits nach wie vor mit Misstrauen begegnete, zeigte der Umstand, dass man ihre Versammlungen offiziell beobachtete – auch in Freising.

Zur Gründungsversammlung des „Sozialdemokratischen Wahlvereins“ am 11. Februar 1894 wurde der städtische Kanzlist Johann Stärzl abgeordnet: Er hatte darauf zu achten, dass die Versammlung entsprechend den Vorgaben des bayerischen Vereinsgesetzes verlief, außerdem musste er ein Protokoll darüber anfertigen. Ebendieses Protokoll, das die Gründungsversammlung aus der nüchternen Perspektive der kontrollierenden Behörde wiedergibt, hat sich in den Aktenbeständen des Stadtarchivs Freising erhalten (vgl. Abb. der ersten Protokollseite). Nachfolgend eine Transkription des Textes (mit Kürzungen, gekennzeichnet durch […]):

„Bericht über die am 11. Februar c[urrentis anni] stattgefundene sozialdemokratische Parteiversammlung im Kerscher´schen Gasthause dahier.

Als Commissär zu obiger Versammlung abgeordnet, erstattet der Unterfertigte nachstehenden kurzen sachgemäßen Bericht:

Als Unterfertigter am genannten Tage kurz vor 3 Uhr Nachm[ittag] in seiner Eigenschaft das Versammlungslokal betrat u[nd] sich dem Einberufer [Ludwig Klingseisen] vorstellig machte, erhielt er von demselben ein eigenes Tischchen abseits vom Tische des „Bureaus“ angewiesen, wurde aber, nachdem er diesen Platz nicht als genügend erachten konnte, eingeladen, am Tische des Einberufers Platz zu nehmen, so daß er die ganze Versammlung übersehen und alle Vorgänge beobachten konnte.

Nachdem dieses geordnet war, wurde die Versammlung eröffnet und Herrn v[on] Vollmar das Wort erteilt.

Dieser eröffnete seine Rede, wie vorauszusehen, mit Verteidigung seiner Partei gegen den Vorwurf der „Unfriedenstiftung“, während selbe nur die unzufriedenen Elemente sammle, um, wenn die Partei einmal genügend erstarkt, dem, was sie jetzt schon bekämpfen: dem Militärismus, dem Kapitalismus, der Klassenherrschaft wirksamer entgegenzutreten nicht durch Revolution, sondern in „ehrlichem Wortkampfe“ im Reichs- und Landtage. […]

Zurück weist v[on] Vollmar den Vorwurf der Religionslosigkeit der Sozialdemokraten u[nd] bestätigt auf das bestimmteste, daß jeder Sozialdemokrat „Religionsfreiheit“ geniesen, also jeder keiner oder einer Religion angehören könne u[nd] es werde keiner gefragt, ob er diese oder jene Religion habe, ob er deren Verpflichtungen nachkomme oder nicht u[nd] es sei jedem einzelnen überlassen, sich die Ewigkeit auf diese oder jene Weise zu sichern.

Der Militarismus welcher seit 1870 in stetem Wachsen begriffen ist, wird in seiner Unersättlichkeit und mit Hilfe des Centrums [= Deutsche Zentrumspartei] „Umfall“ Politik immerfort und fort zunehmen bis zur totalen Verarmung u[nd] Leistungsunfähigkeit der unteren Schichten, bis zur Vernichtung des Mittelstandes, während das „Kapital“ immer mehr an Macht gewinnen werde. […]

Zuletzt wendet sich v[on] Vollmar gegen den Artikel welcher im Freisinger Tagblatte kurz vorher erschienen ist, behandelt denselben verächtlich und bemerkt, daß sich die Sozialdemokraten solcher erbärmlicher Kampfesweise nicht zu bedienen brauchten, daß dieselben vielmehr ihren Angehörigen gestatten alle Versammlungen des Centrums u[nd] anderer Parteien zu besuchen u[nd] deren Anschauungen sich zurecht zu legen.

Nach diesen Ausführungen schloß v[on] Vollmar seinen Vortrag unter riesigem Beifall seitens der dichtgedrängten Zuhörerschaft, welche nicht ausschließlich aus S[ozialdemokraten] bestanden.

Einberufer Klingseisen lud nun zum Beitritt zu einem zu gründenden „sozialdemokratischen Wahlverein“ ein, in welchem allmonatlich Versammlungen abgehalten u[nd] die Mitglieder über die herrschende soziale u[nd] politische Lage durch Vorträge belehrt werden sollen.

Hiemit erklärte Klingseisen die „Parteiversammlung“ für geschlossen. […]

Stärzl Off[i]z[ian]t“

Quellen: StadtAFS, AA II, Nr. 1594; ebd., Postkartensammlung; ebd., Stadtgeschichtliche Dokumentation, Häuserkartei, Vöttinger Straße 22.

<- Zurück zu: Neuigkeiten chronologisch

Schnellfinder

Newsletter

hier anmelden

Veranstaltungskalender