04.05.2017

Vom 01. Mai als Protest- und Feiertag der Arbeiterbewegung

Archivstück des Monats Mai 2017: Plakat zur Maifeier des Freisinger SPD-Ortsvereins am 06. Mai 1900

Abgebildet ist das Originalplakat.
Mit dem Originalplakat zur Maifeier anno 1900 beginnt das Stadtarchiv seine neue Ausstellungsreihe im Rathaus.

Mit einem absoluten „Mai-Thema“  beginnt die neue Reihe „Archivstück des Monats – Schätze aus dem Stadtarchiv Freising“, mit dem sich das Freisinger Stadtarchiv durch wechselnde Ausstellungen einzelner Exponate an die interessierte Bevölkerung wendet. Zum Auftakt ist im ersten Stock des Rathauses das Plakat zur Maifeier des Freisinger SPD-Ortsvereins am 06. Mai 1900, Stadtarchiv Freising, Akten II (1803-1918), Plakatselekt, zu sehen. Florian Notter, Leiter des Freisinger Stadtarchivs, beschreibt das Archivstück des Monats Mai eindrucksvoll:

Am 06. Mai 1900, einem Sonntag, fand die jährliche Maifeier des „Sozialdemokratischen Vereins Freising“ statt. Wie schon in den Jahren zuvor beging man den Tag zunächst mit einer politischen Versammlung im Saal des Jägerwirts in der Oberen Stadt, um sich schließlich am Nachmittag dem geselligen Treiben des Maifestes in der Ausflugswirtschaft „Geflügelhof“ in den ostseitigen Isarauen hinzugeben – inklusive Konzert, Preiskegelschieben und Hutstechen. Um auf den besonderen Tag aufmerksam zu machen, ließ die „Maifestkommission“ des Ortsvereins in München Plakate drucken, konsequenterweise auf rotes Papier.

Sicher kein alltäglicher Genehmigungsvorgang

Ein Exemplar des Maifeier-Plakats hat sich zusammen mit dem Genehmigungsantrag des damaligen SPD-Vorsitzenden Johann Sixt in den Aktenbeständen des Stadtarchivs erhalten. Ob er es zusammen mit dem Antrag selbst übergeben hat oder ob es sich die Stadt anderweitig beschafft und entsprechend zugeordnet hat, ist nicht klar. Für den Stadtmagistrat bedeutete die Maifeier der Sozialdemokraten jedenfalls keinen alltäglichen Genehmigungsvorgang. Anders als es uns die fröhliche Stimmung, die der Plakattext vermittelt, glauben machen möchte, stand die deutsche Sozialdemokratie in jenen Jahren unter genauer Beobachtung misstrauischer staatlicher Stellen. Zwar hatte sich die Situation seit 1890 deutlich verbessert, da es im Berliner Reichstag keine Mehrheit mehr für Bismarcks scharfes „Sozialistengesetz“ gab. Die Partei konnte wieder als Organisation in Erscheinung treten und bis auf die Ortsebene eigene Verbände gründen, so auch in Freising im Jahr 1894. Gleichwohl wurden für sozialdemokratische Veranstaltungen behördlicherseits nach wie vor besondere Vorkehrungen getroffen. Dies tangierte insbesondere die jährlichen Maifeiern.

So lässt sich erklären, warum im Freisinger Rathaus seit 1890 (und noch bis in die Jahre des Ersten Weltkriegs hinein) jedes Frühjahr Post von der (damals königlichen) Regierung von Oberbayern eintraf, die den Stadtmagistrat aufforderte, den Ablauf der anstehenden Maifeiern aufmerksam zu begleiten und darüber Bericht zu erstatten. Über die Feier am 06. Mai 1900, zu welcher jenes Plakat einlud, hatte Bürgermeister Stephan Bierner auch das Feldartillerieregiment in der Neustifter Kaserne in Kenntnis gesetzt – freilich nur eine Vorsichtsmaßnahme. Was hatte es mit den Maifeiern der Sozialdemokraten auf sich, dass ein solcher Aufwand betrieben wurde?

Vom „moving day“ in den Vereinigten Staaten

Der 01. Mai als Protest- und Feiertag der sozialistisch oder sozialdemokratisch motivierten Arbeiterbewegungen hatte seinen Ursprung in den Vereinigten Staaten. Als „moving day“, dort traditionell ein Tag von Arbeitsvertrags- und Arbeitsplatzwechseln, hatte er für das Arbeitsleben in den Staaten ohnehin eine besondere Bedeutung. Für den 01. Mai 1886 wurde von der Arbeiterschaft ein Generalstreik ausgerufen, an dem etwa 400.000 Personen aus rund 11.000 US-Betrieben teilnahmen. Dieser sollte sich über mehrere Tage hinziehen. In Chicago kam es dabei jedoch zu verschiedenen blutigen Vorfällen („Haymarket Riot“). Den traurigen Höhepunkt bildete am 04. Mai ein Bombenattentat, das 18 Menschen das Leben kostete. Ohne dass ihnen die Tat wirklich nachgewiesen werden konnte, wurden acht Arbeiter festgenommen und verurteilt, vier davon zum Tod durch den Strang. Die Hinrichtungen hatten bei der Arbeiterschaft der westlichen Welt zu großer Empörung und Protesten geführt. Als sich 1888 verschiedene US-Gewerkschaften entschieden, für den 01. Mai 1890 wiederum bundesweite Streiks anzusetzen, schlossen sich ihnen zunächst französische und später auch etliche deutsche Gewerkschaften an. Der 01. Mai war damit zum internationalen Protest- und Feiertag geworden.

In Freising setzte die Entwicklung etwas verspätet ein. Abgesehen von den weitgehend unpolitischen Feiern des katholischen Arbeitervereins St. Joseph und einer 1891 belegten Feier des lokalen Metallarbeitervereins im Xaverienthal haben wir von einer sozialdemokratischen Maifeier erstmals im Jahr 1894 Kenntnis; der erst im Februar desselben Jahres gegründete „Socialdemokratische Wahlverein Freising“ traf sich allerdings nur zu einem kleinen Familienfest.

Erste Freisinger Kundgebung mit einem politischen Referat für 1897 belegt

Drei Jahre später, 1897, lässt sich dann erstmals eine Kundgebung mit einem politischen Referat belegen. Von Arbeitsniederlegungen wie in anderen Städten ist in diesen Jahren nichts bekannt; um diese zu vermeiden, ist man sogar teilweise auf den ersten Mai-Sonntag ausgewichen – so auch zur Maifeier am 6. Mai 1900. Zum Zeitpunkt, als das rote Plakat in die städtischen Akten gelegt wurde, war die sozialdemokratische Maifeier – ebenso wie die Sozialdemokratie selbst – noch eine junge Institution. Welche Bedeutung beiden im Lauf des 20. Jahrhunderts zukommen sollte, ließ sich am ersten Mai-Sonntag im Jahr 1900 noch nicht abschätzen. (Florian Notter)

Das Original kann den Mai über im ersten Stock des Freisinger Rathauses besichtigt werden (montags bis mittwochs 8 bis 16 Uhr; donnerstags 8 bis 17.30 Uhr; freitags 8 bis 12 Uhr).

QUELLEN

StadtAFS, AA I, Abt. XVII, Nr. 26; ebd., AA II, Nr. 1594.

LITERATUR

Braun, Horst Dieter / Reinhold, Claudia / Schwarz, Hanns-A. (Hg.): Vergangene Zukunft. Mutationen eines Feiertags, Berlin 1991.

Fricke, Dieter: Kleine Geschichte des 1. Mai. Die Maifeier in der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung, Frankfurt am Main 1980.

Marßolek, Inge (Hg.): 100 Jahre Zukunft. Zur Geschichte des 1. Mai, Frankfurt am Main / Wien 1990

Schuster, Dieter: Zur Geschichte des 1. Mai in Deutschland, Düsseldorf 1991.

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