Ein aktueller Bericht vom Dezember 2017 über die Renaturierungsmaßnahmen mit dem Titel "Ein voller Erfolg für die Natur - und die Stadt Freising" weiter unten auf dieser Seite.

Neue Lebensräume für Flora und Fauna

Der Plan gibt einen Überblick von sechs Ausgleichsflächen.
Überblicksplan der Ausgleichsflächen. Bereits angelegt sind die Flächen A1, A2, A5 und A6. (Plan: Projektgemeinschaft EDR - Sehlhoff - Schober)

Mit Realisierung der Westtangente sind Eingriffe in die Natur und das Landschaftsbild unvermeidlich. Im Jahr 2014 wurde, u.a. unter fachlicher Aufsicht eines Fledermaus-Sachverständigen, mit der Rodung von Bäumen im Baufeld der künftigen Trasse begonnen. Es mussten knapp 100 Bäume entfernt werden. Die Zahl der späteren Neupflanzung von Bäumen liegt bei 360.

Mit der – auch gesetzlich vorgeschriebenen – Bereitstellung von Ausgleichflächen schafft die Stadt Freising neue, ökologisch wertvolle Lebensräume für Pflanzen und Tiere. Zusätzlich wird das Umfeld der Straße nach ihrer Fertigstellung kräftig begrünt. Was sind eigentlich Ausgleichsflächen? Nach dem Bayerischen Naturschutzgesetz ist der Verursacher eines Eingriffs verpflichtet, „unvermeidbare Beeinträchtigungen durch Maßnahmen des Naturschutzes und der Landschaftspflege vorrangig auszugleichen (Ausgleichsmaßnahmen)“. Die Stadt Freising hat in diesem Sinne westlich von Pulling und im Freisinger Moos seit Oktober 2014 vier Flächen mit hoher ökologischer Qualität angelegt.

A1: Flutrinne mit Feuchtflächen westlich von Pulling

Das Bild zeigt das Gelände westlich von Pulling Mitte Dezember 2014, als mit dem Bau des Moosachabzweigs begonnen wurde.
So sah das Gelände westlich von Pulling Mitte Dezember 2014 aus, als mit dem Bau des Moosachabzweigs begonnen wurde. (Alle Fotos dieser Seite: Stadt Freising)

Die Ausgleichsfläche A1 befindet sich westlich von Pulling und grenzt direkt an die Moosach. Hier, entlang der Moosach, ist ein beidseitig angebundenes, naturnahes Nebengerinne mit einer Wassertiefe von etwa 60 Zentimetern entstanden. An den Ufern finden sich vegetationsarme, magere Kiesflächen ebenso wie Mulden, Rippen und Amphibien-Laichtümpel. Am Ostufer gedeihen Stauden und Gehölze. Weiterhin wurde Saatgut für Streuwiesen und gebietsheimisches Saatgut aus dem Freisinger Moos angesät.

Die hier im Anschluss gezeigten vier Fotos sind am 24. Juli 2015 entstanden.

  • Bild der Ausgleichsfläche A1, westlich von Pulling
  • Bild der Ausgleichsfläche A1, westlich von Pulling
  • Bild der Ausgleichsfläche A1, westlich von Pulling
  • Bild der Ausgleichsfläche A1, westlich von Pulling

A5: Magere Grünlandflächen und Niedermoorlebensräume

  • Das Foto zeigt die Ausgleichsfläche A5 im Freisinger Moos, nördlich von Pulling, mit bühendem Mohn.
  • Die gezeigte Fläche dient zur Lebensraumverbesserung für den Kiebitz.
  • Ein weiteres Bild der Ausgleichsfläche mit saftigem Grün.
  • Foto mit Röhricht im Hintergrund.

Im Freisinger Moos, nördlich von Pulling, wurde eine Fläche angelegt, die der Lebensraumverbesserung für den Kiebitz dient. Zudem werden neue Nahrungs- und künftig auch Bruthabitate für den Kiebitz geschaffen.

Um die Quelle des Schleiferbachs sind feuchtere Standorte entstanden und es wird die Entwicklung zum Niedermoor gefördert. Weiterhin ist im sich anschließenden Bereich sowie auf der höher gelegenen Ackerfläche im Westen der Oberboden abgetragen worden – zum Vorschein kamen kiesige, humose und torfige Standorte, die zu einer vielfältigen Lebensraumentwickelung beitragen werden. Hier wurde gedroschenes Material für Streuwiesen aus dem Freisinger Moos angesät.

Im Bereich des Röhrichtbestands hat man Boden entnommen und dabei aufgedeckten Bauschutt und Siedlungsabfälle entsorgt. Brennesseln und anderer unerwünschter Aufwuchs wurden zurückgedrängt; Röhricht sowie Binsen konnten sich wieder besser entwickeln. Im Süden der Fläche wurden fünf höhere Bäume aus der Hecke entnommen, wodurch für Bodenbrüter die Feindkulisse verringert wird.

Auf dem nicht abgetragenen Grünland hat sich mit gebietsheimischem Saatgut aus dem Freisinger Moos die Artenanzahl erhöht. Dem Boden sollen auch künftig Nährstoffe entzogen werden: Es wird auf Düngung verzichtet, zwei bis drei Mal pro Jahr gemäht und das Schnittgut abgefahren.

Ein voller Erfolg für die Natur – und die Stadt Freising

Ausgleichsfläche an der Schleiferbachquelle nach Einsaat im Jahr 2015 mit typischen Kies- Rohbodenstandorten nach Oberbodenentfernung
Ausgleichsfläche an der Schleiferbachquelle nach Einsaat im Jahr 2015 mit typischen Kies- Rohbodenstandorten nach Oberbodenentfernung
Ausgleichsfläche an der Schleiferbachquelle im Jahr 2016 mit artenreichem Vegetationsbestand u.a. Massenbestand der Magerrasenart Wundklee
Ausgleichsfläche an der Schleiferbachquelle im Jahr 2016 mit artenreichem Vegetationsbestand u.a. Massenbestand der Magerrasenart Wundklee

(Bereicht Dezember 2017) Waldwasserläufer, Bekassinen, Kiebitze und sogar ein Exemplar der seltenen Zwergschnepfe, offenbar unterwegs auf Futtersuche, wurden gesichtet; ein Brutpaar des Flussregenpfeifers hat Einzug gehalten: Auf den ökologischen Ausgleichsflächen, die bereits vor dem ersten Spatenstich für Freisings dringend erforderliche Westumfahrung hergestellt wurden, zeigt sich wertvolles Leben. Der Planfeststellungsbescheid zur Westtangente Freising hatte festgesetzt, dass ein Teil der ökologischen Ausgleichsmaßnahmen zeitlich vorgezogen, also vor Beginn des Straßenbaus hergestellt, werden muss. Die Stadt Freising beauftragte deshalb im Februar 2014 das Büro Dr. Schober, die Ausgleichsflächen in allen Details planen und herstellen zu lassen. Ein Teil der Flächen befindet sich abseits der Westtangenten-Trasse im Freisinger Moos, ein anderer Teil in Nähe der Schleiferbachquelle, südlich der Westtangententrasse.

Ziel dieser zeitlich vorgezogenen Ausgleichsmaßnahmen war es, möglichst vielfältige Biotope herzustellen und dabei früher vorhandenen und mittlerweile durch die fortschreitende Intensivierung der Landwirtschaft verloren gegangenen Biotope neu anzulegen.

Wichtige Bausteine des Ausgleichskonzepts:

  • Die Maßnahmen sollen in Verbindung zur Moosach stehen, dem Hauptgewässer des Freisinger Mooses, um die Dynamik des Fließgewässers auch in die Maßnahmenfläche hineintragen und die Transport- und Vernetzungskraft des Fließgewässers nutzen zu können.
  • Die Flächen sollen in Nähe zu Quellbereichen bzw. zu Grundwasser-nahen Bereichen angelegt werden, um die Beeinträchtigungen durch die bisherige Nutzung zurückdrängen und gleichzeitig gut wasserversorgte Niedermoorstandorte anlegen zu können.
  • Soweit möglich und notwendig, soll nährstoffreicher Oberboden abgetragen werden, um insbesondere für jene Pflanzen- und Tierarten Lebensräume anbieten zu können, die auf nährstoffarmen Standorten siedeln können. Es sind schließlich überwiegend diese spezialisierten Arten, die für die ursprüngliche Niedermoorlandschaft prägend waren und die wegen der fortschreitenden Intensivierung der Landnutzung selten geworden sind.

Wie wurden die Ausgleichsmaßnahmen in der Landschaft platziert, um einen möglichst hohen ökologischen Wert zu erzielen?

Ausgleichsfläche im Bau im Herbst 2014: Nach Abschälen der nährstoffreichen Oberbodenschicht werden sog. Almkalkschichten sichtbar.
Ausgleichsfläche im Bau im Herbst 2014: Nach Abschälen der nährstoffreichen Oberbodenschicht werden sog. Almkalkschichten sichtbar.
Ausgleichsfläche nach Ansaat und zweijähriger Entwicklung 2016 mit hoher Artenvielfalt auf großflächig neugeschaffenen Niedermoor - und Magerrasen-Biotopen.
Ausgleichsfläche nach Ansaat und zweijähriger Entwicklung 2016 mit hoher Artenvielfalt auf großflächig neugeschaffenen Niedermoor - und Magerrasen-Biotopen.

Die Flächen wurden einerseits angrenzend zur Moosach und andererseits in Nachbarschaft zu bereits bestehenden, bereits funktionstüchtigen Ausgleichsflächen der Stadt Freising, zum anderen auch in Nachbarschaft zu der Quelle des Schleiferbaches sowie im Randbereich von Entwässerungsgräben angelegt. Hier war sicher gestellt, dass möglichst große Flächen mit dem Grundwasser-gespeisten Haupt-Bach des Freisinger Mooses bzw. mit dem Grundwasseraufstoß der Schleiferbachquelle und den benachbart liegenden, wasserführenden Gräben in direktem Austausch stehen. Die gezielte Vernetzung und funktionale Verbindung von landschaftlichen Strukturen und Elementen mit den neu angelegten Ausgleichsflächen sind nach wissenschaftlichen Erkenntnissen die wichtigsten Voraussetzungen für eine rasche und positive Entwicklung der Flächen. Denn besonderes Augenmerk lag darauf, dass die Maßnahmen möglichst frühzeitig und rasch „Wirkung“ zeigen, so dass das vom Straßenbauvorhaben „gestörte“ System des Freisinger Mooses weiterhin „funktioniert“ und keine zusätzliche Verschlechterung erfährt.

Wie wurden die Flächen im Einzelnen gestaltet, um möglichst rasch eine Besiedelung von speziellen Pflanzen- und Tierarten sicherstellen zu können?

Zum Erreichen der naturschutzfachlichen Ziele wurden im Einzelnen folgende Maßnahmen durchgeführt: Die wohl Wichtigste war die Öffnung des Uferbereichs an der  Moosach in Nähe der Moosach-Brücke der Gemeindeverbindungsstraße Pulling – Haxthausen. Hier entstand ein mit Wasser aus der Moosach gespeistes Nebengerinne, das die Ausgleichsfläche durchfließt. Auf den benachbart liegenden, ehemals landwirtschaftlich genutzten Flächen wurde der nährstoffreiche Oberboden bis zu den anstehenden mageren Almkalk- und Kiesschichten abgetragen. Damit entstanden einerseits nährstoffarme Bereiche und andererseits liegen die Flächen aufgrund der Geländeabsenkung im Bereich der Grundwasserschwankungen und können so von der günstigen und fortwährenden Wasserversorgung profitieren.

Die auf diese Weise vorbereiteten Flächen wurden mit speziellen, ortstypischen Saatgutmischungen eingesät. Darüber hinaus wurde Druschgut ausgebracht, das vorher auf Flächen des Freisinger Mooses gewonnen worden war. Ansaat und Druschgutausbringung hat die Entwicklung der Flächen zusätzlich beschleunigt.

Zwei Kleintierdurchlässe unter der Straßentrasse, eine weit dimensionierte Flutbrücke westlich des Vöttinger Weihers und die naturnahe Gestaltung der Gewässer in den Brückenbereichen mit Überlaufbermen für Kleintiere an den Böschungsoberkanten minimieren zusätzlich die Zerschneidungseffekte, die durch das Straßenbauwerk entstehen.

Ausgleichsfläche mit Nebengerinne während der Bauphase im Herbst 2014
Ausgleichsfläche mit Nebengerinne während der Bauphase im Herbst 2014
Ausgleichsfläche mit Nebengerinne im Winter 2014-2015
Ausgleichsfläche mit Nebengerinne im Winter 2014-2015
Ausgleichsfläche mit Nebengerinne nach einem Jahr Entwicklungszeit 2015 mit Flachwasserzonen und aufgehender Pioniervegetation – der Flussregenpfeifer hat die Kiesflächen bereits erobert.
Ausgleichsfläche mit Nebengerinne nach einem Jahr Entwicklungszeit 2015 mit Flachwasserzonen und aufgehender Pioniervegetation – der Flussregenpfeifer hat die Kiesflächen bereits erobert.
Ausgleichsfläche mit Nebengerinne im Jahr 2016
Ausgleichsfläche mit Nebengerinne im Jahr 2016

Wie haben sich die angelegten Ausgleichsflächen entwickelt?

Wie sich jetzt, etwa drei Jahre nach Anlage der Ausgleichsflächen, zeigt, erweist sich die Zusammenarbeit der Stadt Freising mit dem Freisinger Landschaftspflegeverband, mit der Unteren Naturschutzbehörde und dem Büro Schober im Hinblick auf die Zielerreichung der Ausgleichsmaßnahmen als ein voller Erfolg. Der Zielsetzung entsprechend, sind nährstoffarme und vielfältige Standorte mit attraktiven neuen Lebensräumen für die mittlerweile selten gewordenen Tier- und Pflanzenarten der Niedermoorlandschaft entstanden. Charakteristische Arten der Streuwiesen und Nasswiesen, die auf Flächen mit intensiver landwirtschaftlicher Nutzung keine Überlebenschance haben, konnten aufwachsen. Darüber hinaus haben sich auch Pflanzenarten eingestellt, die nicht über die Ansaat eingebracht worden waren, sondern sich spontan angesiedelt haben.

Die naturschutzfachlich relevanten Eingriffe, die im Zuge des Baus der Westtangente entstanden sind, konnten damit zu einem erheblichen Teil kompensiert werden. Die Maßnahmen haben frühzeitig und rasch die erforderliche „Wirkung“ gezeigt. Die durch das Straßenbauvorhaben verursachten „Störungen“ im System des Freisinger Mooses konnten durch diese vorgezogenen Ausgleichsmaßnahmen zumindest zu einem Teil behoben werden. Weitere trassennahe Ausgleichsmaßnahmen werden folgen.

Gibt es eine Erfolgskontrolle für die Ausgleichsmaßnahmen?

Den Erfolg der Maßnahmen bestätigt die diesjährige Erfolgskontrolle. Zur Überwachung der Flächenentwicklung wurde im Auftrag des Landschaftspflegeverbands durch em. Prof. Dr. Hanns-Jürgen Schuster, vormals Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, eine Bestandsaufnahme der Vegetation durchgeführt wurde. Sein Bericht zeigt die positive Flächenentwicklung auf.

Demnach ist „die Vegetationsentwicklung auf den Ansaat-Flächen als gelungen anzusehen“, die geplanten Vegetationstypen, wie z.B. die artenreichen Frisch- und Feuchtwiesen, die Streuwiesen und Kleinseggenbestände weisen die gewünschte charakteristische Artenzusammensetzung auf.

Die Ausprägung des Wildbienensaums auf der Ausgleichsfläche, welche an der Quelle des Schleiferbaches liegt, dient als Pufferstreifen zum angrenzenden Acker. Dieser könnte durch die Einbringung zusätzlicher Arten und die Anpassung der Mahdzeitpunkte noch verbessert werden. Die Hauptteil der Fläche zeigt ein breites Spektrum von kiesigen Rohbodenstandorten mit Pionierarten, artenreichen Glatthaferwiesen, Feucht- und mageren Streuwiesen, aber auch Flachmoorstandorte bis hin zu geschlossenen Binsen- und Seggenbeständen. Einige seltene Arten haben sich dabei spontan angesiedelt, was nach der Einschätzung von Prof. Dr. Schuster durch die Geländemodellierung ermöglicht wurde.

Bereits im Jahr 2016 und 2017 wurde festgestellt, dass die Ausgleichsflächen als Brutplatz für Vögel der sogenannten Roten Liste angenommen werden. So konnte auf der Ausgleichsfläche mit dem Nebengerinne zur Moosach in beiden Jahren ein Brutpaar des Flussregenpfeifers beobachtet werden. Weiter wurden auf der Fläche Waldwasserläufer, Bekassinen, Kiebitze und ein Exemplar der seltenen Zwergschnepfe beobachtet, die sich dort wohl  zur Nahrungssuche aufhielten.

Im Zuge der voranschreitenden Straßenbauarbeiten werden die zwei straßennahen Ausgleichsflächen östlich der Flutbrücke und die Fläche im Bereich der Anschlussschleife zur Angerstraße hergestellt. Auch hier werden die Flächen durch vergleichbare Maßnahmen gestaltet, um neue Lebensräume für Pflanzen- und Tiere bereit zu stellen. Hinzu kommt: Durch attraktive Strauch- und Baumpflanzungen wird die Straße natürlich in die Landschaft eingebunden.

Durch die mittlerweile durchgeführten ökologischen Verbesserungsmaßnahmen  hat die Stadt Freising im Hinblick auf die zeitlich vorgezogenen Maßnahmen die naturschutzrechtlichen und ökologischen Erfordernisse aus dem Planfeststellungsbescheid erfüllt. Um den Erfolg der Ausgleichsmaßnahmen auf Dauer zu sichern, sorgt der Freisinger Landschaftspflegeverband für die Beobachtung und die weitere Erfolgskontrolle der Maßnahmen sowie für die notwendigen Pflegemaßnahmen.

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