Kenntnis der heimischen Vogelarten vom Aussterben bedroht

Studienergebnisse zum aktuellen Stand der Artenkenntnis in Bayern

Neben dem ungebremsten Rückgang der Artenvielfalt ist auch die Kenntnis um unsere heimischen Arten vom Aussterben bedroht. Dies zeigt eine aktuelle Befragung der bayerischen Bevölkerung durch Studierende der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT) im Auftrag des LBV. Das Fazit der beiden HSWT-Studenten Benjamin Schmid und Pirmin Enzensberger: Erwachsene im Freistaat erkennen weniger als die Hälfte der heimischen Gartenvögel und können diese auch richtig benennen. "Was sich schon bei den Kindern andeutete, zeigt diese erste, repräsentative forsa-Studie über die Artenkenntnis bei Erwachsenen noch einmal sehr deutlich: Je jünger die Altersgruppen der Erwachsenen sind umso geringer die Artenkenntnis", so Prof. Volker Zahner, Wildtierökologe der HSWT. Die beiden Studenten fanden zudem heraus, dass Gartenbesitzer*innen und Mitglieder von Umwelt- und Naturschutzverbänden eine höhere Artenkenntnis besitzen. "Die Studie zeigt klar, dass Naturschutzverbänden wie dem LBV eine wichtige Rolle zufällt, diesem Negativtrend des Verlustes der Artenkenntnis in der Bevölkerung entgegenzuwirken", so der LBV-Vorsitzende Dr. Norbert Schäffer.

Täglich verschwinden Arten von unserem Planeten. Auch in Bayern werden viele Tier- und Pflanzenarten auf der Roten Liste als stark gefährdet eingestuft und manche sterben aus. Zugleich nimmt die Zahl der Menschen, die die Tier- und Pflanzenarten unserer Lebensräume noch kennen, dramatisch ab. Eine repräsentative forsa-Studie zur Artenkenntnis an 1.003 Teilnehmenden aus Bayern im Alter von 18 bis über 60 Jahren bestätigt, dass vor allem die jüngere Bevölkerung nur noch wenige Vogelarten kennt. "Durchschnittlich erkannten Teilnehmende der Onlinebefragung sechs von 15 Arten, also 40 Prozent, und konnten diese auch richtig benennen. Dabei punkteten hauptsächlich die über 60-Jährigen", so Benjamin Schmid und Pirmin Enzensberger. Insgesamt erkannten nur fünf von 1.003 Befragten alle 15 Vogelarten, 45 erkannten keinen einzigen Vogel. Die Studie war an den so genannten BISA-Test angelehnt, bei dem bayerische Kinder und Jugendliche aus allen Schularten im Schnitt nur vier der 15 häufigsten einheimischen Singvogelarten benennen konnten. Dieser wurde 2007 von Prof. Volker Zahner und 2018 von Thomas Gerl durchgeführt (siehe auch PM 107-28 des LBV vom 13.12.2018).

Nur jede*r Zehnte erkennt den Buckfink
Selbst die häufigsten Vogelarten in den bayerischen Gärten, wie sie bei der Zählung zur Stunde der Garten- und Wintervögel erfasst werden, konnten von dieser Stichprobe der bayerischen Bevölkerung nicht richtig benannt werden. Der Buchfink, der in gut einem Drittel aller bayerischen Gärten vorkommt, wurde nur von jedem zehnten Teilnehmenden richtig erkannt. "Selbst der Haussperling, der häufigste Gartenvogel Bayerns, ist nicht einmal einem Drittel der Teilnehmenden bekannt. Zumindest nicht unter seinem korrekten Namen. Die meisten nannten ihn Spatz oder Sperling oder verwechselten ihn mit seinem Cousin dem Feldsperling", so Schmid und Enzensberger. Der kleine Erlenzeisig, der vor allem im Winter oft in großer Zahl auftritt, erzielte mit Abstand die geringste Bekanntheit. Einzig die Amsel erfreut sich einer hohen Bekanntheit, die auch ihrem häufigen Vorkommen in Bayerns Gärten entspricht.

Mitglieder von Natur- und Umweltschutzverbänden verfügen bereits über eine signifikant höhere Artenkenntnis als andere Teilnehmende. Vor allem Mitglieder des LBV übertrafen andere Befragte und schnitten laut der Studie unter den Mitgliedern der Umweltverbände besonders gut ab: sie erkannten im Durchschnitt zwei Drittel der Vogelarten. "Unsere Angebote wie Exkursionen, Kurse und Workshops sowie unsere Mitmach-Aktionen wie die Stunde der Winter- oder Gartenvögel, bei denen erlerntes Wissen angewandt werden kann, sind daher von immenser Bedeutung, um Artenkenntnis zu fördern", so Norbert Schäffer.

Schwindende Artenkenntnis beunruhigt Naturschützer
"Die schwindende Artenkenntnis beunruhigt uns Naturschützer, da sie auch direkt mit einem Verlust an Lebensqualität einhergeht. Das belegen neue wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass Vogelbeobachtung Freude und Artenvielfalt sogar glücklich macht", erklärt Schäffer. Erfreulich ist, dass viele Befragte angaben, ihre Artenkenntnis gerne verbessern zu wollen. Das Studienergebnis bedeutet somit auch, dass den Natur- und Umweltschutzverbänden eine große Aufgabe zukommt, Angebote zu schaffen, die die Artenkenntnis nicht nur hinsichtlich von Vögeln, sondern auch anderer Tier- und Pflanzenarten erhöhen. Von der Ausbildung zu Artenkenner*innen können die Natur- und Umweltschutzvereine wiederum ihrerseits profitieren. Wie die Studie zeigt, nehmen Befragte mit hoher Artenkenntnis an Citizen-Science-Projekten teil, füttern Vögel, halten den Erhalt von Artenvielfalt für sehr wichtig und haben eine höhere Spendenbereitschaft. "Eine Verbesserung der Kenntnis heimischer Vogelarten in der bayerischen Bevölkerung kann also langfristig zum Schutz der bayerischen Vogelwelt und ihrer Lebensräume beitragen", so Schäffer.

Die Studie der Studierenden zeigt auch: Teilnehmende, die Zeit im Garten verbringen, und sich in der Natur aufhalten, schnitten bei der Befragung zur Artenkenntnis deutlich besser ab. Sie erkannten im Schnitt 1,5 Vogelarten mehr als Teilnehmende ohne Bezug zur Natur. "Dem Lebensraum Garten kommt eine immer bedeutendere Rolle im Siedlungsgebiet zu. Einerseits schafft eine naturnahe Gestaltung unserer Gärten wichtige Rückzugsorte für Wildtiere, andererseits zeigt diese Studie, dass Gärten ein wichtiger Ort für Menschen sind, heimische Arten kennenzulernen und Naturerfahrungen zu sammeln", sagt der LBV-Vorsitzende weiter.

Das gemeinsame Projekt zur Vogelartenkenntnis wird von der Stiftung Bayerischer Naturschutzfonds aus Zweckerträgen der GlücksSpirale gefördert.

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