Archivstück des Monats - Schätze aus dem Stadtarchiv Freising

Einblick in die Magazinräume
Einblick in die Magazinräume des Stadtarchivs.

Archive gehören wohl zu den unergründlichsten Institutionen, die eine Kulturgesellschaft zu bieten hat. Aufgrund der relativ abstrakten Materie und auch der Tatsache, dass sie über viele Jahrhunderte hinweg den Blicken der Öffentlichkeit entzogen waren, hat sich ein ambivalentes Bild von Archiven herausgebildet: eine Mischung aus fantastischer Wunderkammer und feuchtem Kellergewölbe, dazwischen Archivare und Historiker, die scheinbar aus der Zeit gefallen sind und misstrauisch auf ihren Schätzen sitzen.

Protokoll der Gründungssitzung der Liedertafel Freising.
Protokoll der Gründungssitzung der Liedertafel Freising.

Ein solches Bild ist natürlich falsch. Ein Archiv wie das Freisinger Stadtarchiv ist eine öffentliche Einrichtung und eine Dienstleistungsbehörde, die in zweierlei Hinsicht für Bürgerinnen und Bürger da ist:
Zum einen, weil sie - und das ist die Hauptaufgabe des Stadtarchivs - die kontinuierliche Überlieferung des Stadtgeschehens organisiert ("records management"); alles Wesentliche, das sich in einer bestimmten Zeit im Bereich des Freisinger Stadtgebiets ereignet hat, wird idealerweise Eingang in die Überlieferung des Archivs finden und sich in den dortigen Beständen widerspiegeln. Die Überlieferungsbildung erfolgt nicht zufällig, sondern nach wissenschaftlichen Grundsätzen und detailliert ausgearbeiteten Strategien.
Zum anderen ist das Stadtarchiv für Bürgerinnen und Bürger da, indem es die Zeugnisse vergangenen Geschehens für jede und jeden Interessierte(n) bereitstellt, freilich unter Wahrung von Persönlichkeits- und Datenschutzrechten.

Die enorme Quantität und Vielfalt der einzelnen Zeugnisse machen es, wenn man nicht gerade Mitarbeiter im Stadtarchiv ist, sehr schwer, einen Überblick darüber zu erhalten, was sich im Stadtarchiv alles verbirgt.

Um ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen und einen tieferen Einblick in die Bestände des Stadtarchivs zu erhalten, wird hier jeden Monat eine Archivalie präsentiert und beschrieben. Bei Interesse können Ihnen diese Stücke auch auf Anfrage im Original im Stadtarchiv vorgelegt werden.

 

 

September 2017 - Festprogramm zum Freisinger Volksfest 1957

In der Freisinger "Volksfestzeit" liegen sie an gefühlt jeder Ecke der Stadt aus; kleine bunte Heftchen in DIN-A5 oder DIN-lang-Format, vorne drauf fast immer ein Bär mit einem Lebkuchenherz: das gedruckte Volksfestprogramm. Es gehört zu den nebensächlichen Dingen des traditionsreichen Freisinger Bürgerfestes. Und doch ist es, um sich einen schnellen Überblick zu verschaffen, unentbehrlich - bis heute, auch wenn es inzwischen digitale Alternativen gibt.

Titelblatt des Volksfestprogramms von 1957.
Titelblatt des Volksfestprogramms von 1957.

Das Programmheft ist so alt wie das Freisinger Volksfest selbst. Es wurde erstmals 1929 in den Luitpoldanlagen abgehalten (von einigen ähnlichen Festveranstaltungen in früheren Jahren einmal abgesehen). Damals war das Fest noch überwiegend von den Landwirtschafts- und Gewerbeschauveranstaltungen geprägt, wie sie seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in Freising häufig zu sehen waren. So fanden im Rahmen des Volksfestes von 1929 etwa noch eine Gewerbeschau, eine Kunstausstellung, eine Obst- und Gartenbauausstellung, die "Bezirks-Bienenausstellung", die "Kreis-Geflügelausstellung", eine "Kaninchenausstellung mit Pelzmodenschau" oder auch eine "Korbweiden-Ausstellung" statt. Vergnügungseinrichtungen wie Karusselle oder andere Fahrgeschäfte spielten damals eine ganz untergeordnete Rolle.

Das war beim Volksfest von 1957 schon anders: Zwar gab es auch dort noch eine Gewerbeschau mit 15 Ausstellern sowie eine "Landw[irtschaftliche] Maschienen- und Geräteausstellung", auf der Freisinger wie Anton Schlüter, Hans Huber und Max Ismaier ihre Bulldogs präsentierten. Insgesamt dominierte das Freisinger Volksfest aber damals schon der Vergnügungsbereich mit 20 Attraktionen. Darunter ein Autoscooter, ein Kasperltheater, ein Hundetheater, ein Riesenrad, eine Geisterbahn, ein Kindermärchen- und ein Sportkaruessell sowie der "Glückshafen" des Roten Kreuzes. es wurde auffallend viel geschossen: In neun Schießhallen und -buden, die teils auch anderen Fahrgeschäften angegliedert waren, konnten die Freisinger vor 60 Jahren ihre Treffsicherheit unter Beweis stellen.
Ähnlich späteren Volksfesten gab es auch beim Volksfest des Jahres 1957 an einigen Tagen programmatische Schwerpunkte, so zum Beispiel mit dem "Kindernachmittag" - wie heutzutage am Donnerstag. Oder auch mit dem "Großen Jugend-Nachmittag" am zweiten Volksfest-Samstag, dessen Hauptattraktionen der Kinderfestzug und das abendliche Feuerwerk waren; heute heißt dieser Tag "Familientag". Der Montag-Abend war 1957 schwerpunktmäßig dem Handwerk, dem Handel und dem Gewerbe vorbehalten, der Dienstag-Abend den Arbeitnehmern und Arbeitgebern (heute am zweiten Freitag). Was es damals nicht gab, war ein Behördentag - davon gibt es heute gleich zwei: am Dienstag der "Behörden-Nachmittag" und am Donnerstag der "Abend der Behörden". Neu sind im Vergleich zu 1957 auch der "Tag des Sports" (erster Samstag) und der "Tag der Senioren" am Montag.


Zu den Höhepunkten früherer Freisinger Volksfeste gehörten Veranstaltungen, die schon seit vielen Jahrzehnten kein Teil mehr des Festprogramms sind. Darunter das eigens für die Festwoche organisierte Theaterspiel, das im Asamsaal aufgeführt wurde. 1957 lautete der Titel des Stücks "Prinzessin Eigensinn". Über lange Zeit ein prägendes Element des Freisinger Volksfestes war zudem das Reitturnier. Mit Dressurprüfungen, Jagdspringen und einem Umritt durch die Stadt dominierten Pferde und Reiter 1957 zum Beispiel das gesamte erste Volksfest-Wochenende. Einer der musikalischen Höhepunkte des Volksfestes von 1957 war der Auftritt Maria Hellwigs als "Sennerin der Hinteralm".
Was das damalige Volksfest vom heutigen außerdem unterschied, war das Bier. In einer Werbeannonce im Volksfestprogramm heißt es: "Mein lieber Freund, das rat ich Dir, zum Volksfest trinkt man Hackl-Bier". Neben dem Hofbräuhaus schenkte 1957 also auch der Hacklbräu aus - fünf Jahre später gab es diese traditionsreiche Freisinger Brauerei nicht mehr. Der Bierpreis betrug 1,60 DM.

Bestand: Stadtarchiv Freising, Druckschriftensammlung
Autor: Florian Notter

 

 

Juli 2017 - Stimmzettel der Oberbürgermeisterwahl 1948

Wer vor 1952 in Bayern zum (Ober-)Bürgermeister gewählt werden wollte, brauchte nur eine Hand voll Stimmen. Die Wahl erfolgte nicht durch die wahlberechtigte Gemeinde- bzw. Stadtbevölkerung, sondern durch den Gemeinde- bzw. Stadtrat. Von einem kurzen Intermezzo zu Beginn der 1920er Jahre abgesehen gibt es die Direktwahl des (Ober-)Bürgermeisters erst seit Inkrafttreten der bayerischen Gemeindeordnung von 1952.

Stimmzettel der Oberbürgermeisterwahl 1948
Stimmzettel zur Wahl Maximilian Lehners zum Freisinger Oberbürgermeister aus dem Jahr 1948.

Als am Donnerstag, den 1. Juli 1948, um 10 Uhr vormittags 30 der insgesamt 32 frisch gewählten Freisinger Stadträte zur ersten Sitzung der neuen Wahlperiode zusammenkamen, ging es vor allem um einen Tagesordnungspunkt: die Wahl des Oberbürgermeisters. Wenn alles seinen gewohnten Verlauf genommen hätte, dann hätte der erst seit 1946 amtierende Oberbürgermeister, Rechtsanwalt Dr. Karl Wiebel, mit seiner sicheren Wiederwahl rechnen können. Es kam jedoch anders: Wiebel war in den Wochen vor der Wahl von verschiedenen Seiten, vor allem der Bayernpartei, der CSU und der KPD, schweren Anschuldigungen ausgesetzt gewesen, die sich in vollem Umfang jedoch nicht mehr rekonstruieren lassen. Aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar ist der seitens der Bayernpartei gemachte Vorwurf, Wiebel sein ein "Zuagroaster" und ein "gebürtiger Rheinländer" (tatsächlich wurde er in Unterhaching geboren). Zeitzeugen nach soll zudem der Vorwurf der persönlichen Vorteilsnahme im Raum gestanden sein. Ob dies der Wahrheit entsprach oder ob eine politische Kampagne gegen Wiebel geführt wurde, lässt sich nicht klären. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Vorgeschlagen wurde Wiebel, als man in der Sitzung vom 1. Juli 1948 zur Wahl schritt, jedenfalls nicht mehr. Die Bayernpartei benannte den parteilosen Rechtsanwalt Max Lehner als Kandidaten, der schließlich 23 Stimmen auf sich vereinen konnte (bei einer Stimme für Wiebel und sechs Enthaltungen). Das eindeutige Ergebnis lässt die Vermutung zu, dass Wiebels Sturz von einzelnen Fraktionen gut vorbereitet wurde. Der überparteilich sehr angesehene Max Lehner amtierte schließlich 22 Jahre lang, bis 1970; in den Oberbürgermeister-Wahlen von 1952, 1958 und 1964 wurde er nicht mehr vom Stadtrat, sondern von der Bevölkerung gewählt - stets mit großer Mehrheit. Aber auch die politische Karriere des Karl Wiebel ging weiter: Sechs Wochen nach seinem politischen Ende in Freising wurde er vom Stadtrat in Kaufbeuren zum Oberbürgermeister gewählt und behielt das Amt, wie Max Lehner, bis 1970.

Bestand: Stadtarchiv Freising, Akten IV (seit 1945)
Autor: Florian Notter

 

 

Juni 2017 - Trauerrede für den Weihenstephaner Abt Ildephons

Dass es ein Kind aus einem mittelgroßen Freisinger Brauereibetrieb zu Abtwürden eines bedeutenden Benediktinerklosters bringen konnte, war kein Regelfall. Dass es dennoch möglich war, beweist die 1705 erfolgte Wahl des Johannes Huber, dem 1677 geborenen Sohn des Furtnerbräuers Balthasar Huber und seiner Frau Katharina, zum Weihenstephaner Abt Ildephons (Ordensname). Ildephons, der in München, Salzburg, Benediktbeuern und Ingolstadt studiert hatte, regierte bis zu seinem Tod 1749 das Kloster 44 Jahre lang, war dabei oberster Verwalter des umfangreichen Klosterbesitzes und oberster Richter über die Grunduntertanen von Weihenstephan, insbesondere der Klosterhofmark Vötting.

Titelblatt der Trauerrede für Abt Ildephons
Das Titelblatt der Trauerrede für den Weihenstephaner Abt Ildephons.

Von großer Bedeutung war seine Tätigkeit als Generalpräses der Bayerischen Benediktinerkongregation, eine Position, die er insgesamt 18 Jahre lang ausfüllte. Nicht zuletzt gilt Ildephons als einer der ersten Förderer der Brüder Cosmas Damian und Egid Quirin Asam: Diese beiden ließ er den Auftrag zum Bau einer neuen Hangkapelle über dem Weihenstephaner Korbiniansbrünnlein zukommen. Die kostbare Kapelle, die auf kreisrundem Grundriss errichtet und von einer Kuppel abgeschlossen wurde, hatte man 1720 geweiht; viele Jahrzehnte später, 1804, ein Jahr nach der Säkularisation des Klosters Weihenstephan, wurde sie zerstört. Nur mehr die bis heute sichtbaren Ruinen blieben erhalten. Auch war Ildephons der Auftraggeber der Decke des so genannten "Dekanatssaals" im ehemaligen Gästetrakt des Klosters (heute TU-Verwaltung); sehr wahrscheinlich schuf die Fresken dort auch der junge Cosmas Damian Asam. Zum Bau der Lyzeums-Aula ("Asamsaal") schoss er die ansehnliche Summe von 3.000 Gulden bei. Am 31. Oktober 1749 starb Abt Ildephons infolge eines Schlaganfalls.

Die Trauerfeier fand rund einen Monat später, am 2. Dezember, in der Weihenstephaner Klosterkirche statt. Die Trauerrede hielt der Dekan des Augustiner-Chorherrenstifts Indersdorf, Benno Murschhauser (1697-1771). Wie es zu jener Zeit bei Personen in herausgehobenen Positionen üblich war, wurde die Rede gedruckt und fand auf diese Weise eine gewisse Verbreitung. Den Druck der Trauerrede für Abt Ildephons besorgte die Freisinger Hofbuchdruckerei. Ein Exemplar befindet sich in der Bibliothek des Freisinger Stadtarchivs.

Bestand: Bibliothek des Stadtarchivs Freising
Autor: Florian Notter
Literatur: Hahn, Sylvia: Abt Ildephons Huber, in: Anneser, Sebastian/ Fahr, Friedrich/ Hahn, Sylvia/ Jocher, Norbert/ Knopp, Norbert (Hg.): Asam in Freising (Kataloge und Schriften des Diözesanmuseums für christliche Kunst des Erzbistums München und Freising 45), Regensburg 2007, S. 150-152.
Steiner, Peter B.: Abt Ildephons Huber (1705-1749), in: Fahr, Friedrich/ Ramisch, Hans/ Steiner, Peter B. (Hg.): Freising. 1250 Jahre Geistliche Stadt (Kataloge und Schriften des Diözesanmuseums für christliche Kunst des Erzbistums München und Freising 9), München 1989, S. 229.

 

 

Mai 2017 - Plakat zur Maifeier des Freisinger SPD-Ortsvereins am 6. Mai 1900

Am 6. Mai 1900, einem Sonntag, fand die jährliche Maifeier des "Sozialdemokratischen Vereins Freising" statt. Wie schon in den Jahren zuvor beging man den Tag zunächst mit einer politischen Versammlung im Saal des Jägerwirts in der Oberen Stadt, um sich schließlich am Nachmittag dem geselligen Treiben des Maifestes in der Ausflugswirtschaft "Geflügelhof" in den ostseitigen Isarauen hinzugeben - inklusive Konzert, Preiskegelschieben und Hutstechen. Um auf den besonderen Tag aufmerksam zu machen, ließ die "Maifestkommission" des Ortsvereins in München Plakate drucken, konsequenterweise auf rotes Papier.

Plakat der Maifeier vom 6. Mai 1900
Ein Plakat der Maifeier des "Sozialdemokratischen Vereins Freising" vom 6. Mai 1900.

Ein Exemplar des Maifeier-Plakats hat sich zusammen mit dem Genehmigungsantrag des damaligen SPD-Vorsitzenden Johann Sixt in den Aktenbeständen des Stadtarchivs erhalten. Ob er es zusammen mit dem Antrag selbst übergeben hat oder ob es sich die Stadt anderweitig beschafft und entsprechend zugeordnet hat, ist nicht klar. Für den Stadtmagistrat bedeutete die Maifeier der Sozialdemokraten jedenfalls keinen alltäglichen Genehmigungsvorgang. Anders als es uns die fröhliche Stimmung, die der Plakattext vermittelt, glauben machen möchte, stand die deutsche Sozialdemokratie in jenen Jahren unter genauer Beobachtung misstrauischer staatlicher Stellen. Zwar hatte sich die Situation seit 1890 deutlich verbessert, da es im Berliner Reichstag keine Mehrheit mehr für Bismarcks scharfes "Sozialistengesetz" gab. Die Partei konnte wieder als Organisation in Erscheinung treten und bis auf die Ortsebene eigene Verbände gründen, so auch in Freising im Jahr 1894. Gleichwohl wurden für sozialdemokratische Veranstaltungen behördlicherseits nach wie vor besondere Vorkehrungen getroffen. Dies tangierte insbesondere die jährlichen Maifeiern. So lässt sich erklären, warum im Freisinger Rathaus seit 1890 (und noch bis in die Jahre des Ersten Weltkrieges hinein) jedes Frühjahr Post von der (damals königlichen) Regierung von Oberbayern eintraf, die den Stadtmagistrat aufforderte, den Ablauf der anstehenden Maifeiern aufmerksam zu begleiten und darüber Bericht zu erstatten. Über die Feier am 6. Mai 1900, zu welcher obiges Plakat einlud, hatte Bürgermeister Stephan Bierner auch das Feldartillerieregiment in der Neustifter Kaserne in Kenntnis gesetzt - freilich nur eine Vorsichtsmaßnahme. Was hatte es mit den Maifeiern der Sozialdemokraten auf sich, dass ein solcher Aufwand betrieben wurde?

Der 1. Mai als Protest- und Feiertag der sozialistisch oder sozialdemokratisch motivierten Arbeiterbewegung hatte seinen Ursprung in den Vereinigten Staaten. Als "moving day", dort traditionell ein Tag von Arbeitsvertrags- und Arbeitsplatzwechseln, hatte er für das Arbeitsleben in den Staaten ohnehin eine besondere Bedeutung. Für den 1. Mai 1886 wurde von der Arbeiterschaft ein Generalstreik ausgerufen, an dem etwa 400.000 Personen aus rund 11.000 Betrieben teilnahmen. Dieser sollte sich über mehrere Tage hinziehen. In Chicago kam es dabei jedoch zu verschiedenen blutigen Vorfällen ("Haymarket Riot"). Den traurigen Höhepunkt bildete am 4. Mai ein Bombenattentat, das 18 Menschen das Leben kostete. Ohne das ihnen die Tat wirklich nachgewiesen werden konnte, wurden acht Arbeiter festgenommen und verurteilt, vier davon zum Tod durch den Strang. Die Hinrichtungen hatten bei der Arbeiterschaft der westlichen Welt zu großer Empörung und Protesten geführt. Als sich 1888 verschiedene US-Gewerkschaften entschieden, für den 1. Mai 1890 wiederum bundesweite Streiks anzusetzen, schlossen sich ihnen zunächst französische und später auch etliche deutsche Gewerkschaften an. Der 1. Mai war damit zum internationalen Protest- und Feiertag geworden.

In Freising setzte die Entwicklung etwas verspätet ein. Abgesehen von weitgehend unpolitischen Feiern des katholischen Arbeitervereins St. Joseph und einer 1891 belegten Feier des lokalen Metallarbeitervereins im Xaverienthal haben wir von einer sozialdemokratischen Maifeier erstmals im Jahr 1894 Kenntnis; der erst im Februar desselben Jahres gegründete "Socialdemokratische Wahlverein Freising" traf sich allerdings nur zu einem kleinen Familienfest. Drei Jahre später, 1897, lässt sich dann erstmals eine Kundgebung mit einem politischen Referat belegen. Von Arbeitsniederlegungen wie in anderen Städten ist in diesen Jahren nichts bekannt; um diese zu vermeiden, ist man sogar teilweise auf den ersten Mai-Sonntag ausgewichen - so auch zur Maifeier am 6. Mai 1900. Zum Zeitpunkt, als das rote Plakat in die städtischen Akten gelegt wurde, war die sozialdemokratische Maifeier - ebenso wie die Sozialdemokratie selbst - noch eine junge Institution. Welche Bedeutung beiden im Lauf des 20. Jahrhunderts zukommen sollte, ließ sich am ersten Mai-Sonntag im Jahr 1900 noch nicht abschätzen.

Bestand: Stadtarchiv Freising AA I, Abt. XVII, Nr. 26; Stadtarchiv Freising AA II, Nr. 1594.
Autor: Florian Notter
Literatur: Braun, Horst Dieter/ Reinhold, Claudia/ Schwarz, Hanns-A. (Hg.): Vergangene Zukunft. Mutationen eines Feiertags, Berlin 1991.
Fricke, Dieter: Kleine Geschichte des 1. Mai. Die Maifeier in der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung, Frankfurt am Main 1980.
Marßolek, Inge (Hg.): 100 Jahre Zukunft. Zur Geschichte des 1. Mai, Frankfurt am Main/ Wien 1990.

Schuster, Dieter: Zur Geschichte des 1. Mai in Deutschland, Düsseldorf 1991.

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